Buch-Empfehlung: Wenn die letzte Frau den Raum verlässt


Nicht alle Frauen erleben täglich physische oder verbale Gewalt, aber fast alle Frauen denken daran und treffen Vorkehrungen, um die Gefahr zu minimieren.

Das ist eine Aussage aus dem Buch „Wenn die letzte Frau den Raum verlässt“ von Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer.
Sie tragen Shorts unter den Röcken…
Sie achten sich darauf, dass der Ausschnitt nicht zu gross ist…
Sie halten beim Nachhause gehen die Schlüssel in der Hand… Oder den Pfefferspray…
Es gibt fake-Telefonnumern, auf die man anrufen kann, so dass es aussieht, als ob man jemanden am Telefon hätte, wenn man alleine unterwegs ist…
Es gibt Code-Worte, die man in der Bar oder sonstwo sagen kann, wenn man Hilfe braucht..
Bei Vergewaltigung und anderer sexueller Gewalt kann es nach wie vor sein, dass die Frau mitschuldig ist, weil sie sich nicht wehren konnte, zu aufreizend angezogen war, geschminkt. war, um diese Zeit ja nicht allein unterwegs sein sollte, betrunken war…
Fast jede Frau erlebt in ihrem Leben ein- oder mehrere Male sexuelle Übergriffe und es beginnt schon, wenn wir noch Kinder sind…
Es sind nicht ALLE Männer, nein. Aber es sind fast immer Männer.
Es gibt auch Frauen, die Übergriffe ausüben, ja. Auch das ist nicht okay, nein. Es sind immer noch viel, viel, viel mehr Männer.
Mädchen lernen von klein auf, sich vorausschauend und sich schützend zu verhalten oder werden angehalten, in Selbstverteidigungskurse zu gehen…

Also, aber zurück zum Buch:

Das ist ein sehr interessantes Buch, wirklich. Sehr, sehr empfehlenswert.
Es erklärt aus der Sicht von zwei Männern den Feminismus und warum das Thema nach wie vor gern als unnötig bezeichnet wird und zum andern von vielen sehr missverstanden wird. Sehr viele Fakten, sie erzählen aber auch aus ihrer Erfahrung. Es erklärt vieles, zeigt anhand von Alltagssituationen auf, dass Sexismus eigentlich „normal“ ist und uns vieles deswegen gar nicht so auffällt.

Für mich ist Feminismus eines von vielen Inklusions-Themen.
Eine Menschengruppe, die für eine sehr lange Zeit und bis heute diskriminiert wurde, möchte nicht mehr diskriminiert werden. In diesem Fall sind es Frauen.
Es gibt Männer (und komischerweise auch Frauen), die dies für unnötig halten. Warum es Männer gibt, die eine Gleichstellung nicht wollen, verstehe ich auf eine Art schon. Ich denke, dies ist vor allem mit der Schwierigkeit des Perspektivenwechsels zu begründen. Es betrifft sie einfach nicht, deswegen ist es für sie nicht wichtig. Ausserdem handelt es sich um eingespielte Verhaltensmuster. Zum andern erlebt man bei Gleichstellungs-Themen, egal in welchem Bereich, auch immer wieder die Befürchtung, man selbst könnte einen Nachteil durch die Gleichstellung anderer erleben.
Das ist ein Missverständis. In der Gleichstellung geht es nie darum, der bisher diskriminierten Menschengruppe einen VORTEIL zuzuschreiben, sondern einfach dieselben Möglichkeiten, die die andere Menschengruppe bereits hat. Das Ziel ist ja Chancengleichheit.

Ich mache mal ein paar Beispiele, nicht nur aus dem Feminismus, sondern auch aus andern Bereichen:

ZB in der Schule: In einem inklusiven Schulsystem werden Kinder nicht separiert, sondern haben das Recht auf Bildung. Damit sie aufgrund ihrer Beeinträchtigung dieselben Chancen haben wie die anderen Kinder, kann es sein, dass sie dabei Unterstützung benötigen. Dies verschafft ihnen nicht etwa einen Vorteil, sondern dieselben Voraussetzungen wie andere es sowieso schon haben. Ebenfalls geht diese Unterstützung nicht auf Kosten von andern Schüler:innen, wobei Diskriminierung und Ausgrenzung ganz klar auf Kosten der betroffenen Kinder geht.

ZB bei der Arbeit: Frauen übernehmen in der Firma nach wie vor viel mehr Care-Arbeit, zB bei Meetings Kaffee servieren und andere Getränke anbieten, Geschirrspüler einräumen und leeren, Einkäufe machen, Feste organisieren, Geschenke besorgen usw. Im Buch wird gesagt, dass dies bis zu 20 Stunden im Jahr sein kann. Stunden, die ihre Arbeitskollegen mit wichtigen Meetings, Telefonaten und Aufträgen verbringen.
In Meetings unterbrechen Männer andere Sitzungsteilnehmende 50% öfter als es Frauen tun. Dabei werden vorwiegend Frauen unterbrochen.
Männer- und Frauenverhalten wird in vielen Bereichen unterschiedlich gewertet, nicht nur bei der Arbeit. Aber auch: Frauen werden mit sexistischen Sprüchen oder Witzen eigentlich fast zu 100% häufiger konfrontiert (in Anwesenheit oder in Abwesenheit) als Männer. Findet dies im beruflichen Konsens statt, schadet dies dieser Frau gleich sofort, denn es wird über sie gelacht, ihre Qualifikation als Fachperson und damit ihre Arbeit werden weniger ernst genommen.
Frauen werden unangemessenen Fragen fast zu 100% häufiger gestellt als Männern. Oder Bemerkungen: Wie schaffen Sie es, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen? Sind Sie flexibel, obwohl sie Mutter / Vater sind? Ist ihre Familienplanung abgeschlossen? Wer schaut denn zu den Kindern, wenn sie arbeiten? Wie machen sie es, wenn eines der Kinder krank ist?
Wieviele Männer werden sowas gefragt beim Einstellungsgespräch? Und wieviele Frauen?

Es ist eigentlich noch ganz interessant, denn heute sah ich bei Facebook einen Bericht über den gestrigen Frauenstreiktag. Wie sehr oft, sind die Kommentare auf diesen Medien ja nicht unbedingt die Intelligentesten. Da kommen aber Spüche, wie wir alle sie kennen:
Die untervögelsten Hühner gackern am Lautesten…
Also sofort Wehrpflicht für Frauen.
Die waren alle hässlich, die sexy Frauen blieben zuhause.
Kurze Haare und dieses Gejammer ist sehr unattraktiv.
Klagen auf Hohem Niveau.
Für DAS geht das Volk auf die Strasse und gegen Krieg kein einziger. Mal darüber nachdenken…
Die Frauen sollen jetzt die Kosten tragen, die durch das Chaos entstanden sind.
Es geht nur darum, Menschen gegeneinander aufzuhetzen.
Ab hinter den Herd!
Frauen sollen zuerst gleich viel arbeiten und durchhalten wie Männer! Dann kämen wir einer Gleichstellung näher.
usw

Ich bin mir natürlich bewusst, dass in solchen Medien die Kommentare wirklich auf einem tiefen Niveau sind und Gehässigkeiten recht anonym verteilt werden können.

Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, könnte ich unter jedem Kommentar schreiben: UND GENAU DAS IST SEXISMUS. Genau das! Es sind genau die Aussagen, die um Buch erwähnt und erklärt werden.
Es geht auf die sexuelle Schiene… untervögelt und hässlich. Die Frauen, dem Patriarchat die Stange halten, sind hingegen sexy, weil halt bequemer.
Gewalt an Frauen wird in sehr vielen Kommentare schön-geredet oder verharmlos. Also wegen sowas wird gestreikt, aber für Frieden nicht… Es gibt mehr Gewalt gegen Frauen denn je. Meistens im familiären Umfeld. Und es gibt mehr Femizide denn je. Femizide werden fast ausschliesslich von Familienangehörigen verübt. Von männlichen Familienangehörigen.
Es ist tatsächlich so, dass man sich mit den Tätern auf eine Stufe setzt, wenn man sie verteidigt, Gewalttaten an Frauen als nicht so schlimm bezeichnet. Täter verteidigen Täter, verharmlosen Taten.
Den betreffend Kosten fand ich besonders amüsant… omg… wer trägt denn wohl all die Kosten, die nach jedem Scheiss-Fussballspiel entstehen, wenn randaliert wird? Und wer trägt die Kosten, finanziell UND gesundheitlich, wenn einer Frau Gewalt angetan wird?
Klagen auf hohem Niveau… In der Schweiz haben die Frauen ja alles, dürfen die Frauen ja alles. Ja, im Vergleich zu Frauen in Afghanistan ist das tatsächlich so. Die meisten wissen nicht, dass es dort auch mal anders war. In den 70er Jahren zB lebten die Frauen in Afghanistan so wie wir, bis die Taliban an die Macht kamen.

Sich einsetzen und sich wehren setzt übrigens nie zum Ziel, Menschen gegeneinander aufzuhetzen oder Streit zu schüren, sondern es geht ganz genau ums Gegenteil. Es geht darum, ein Ungleichgewicht sichtbar zu machen und eine Verbesserung herbeizuführen.
Das mit der Wehrpflicht ist auch ein verbreiteter Spruch. Dasselbe Thema war das Rentenalter, das ja in der Schweiz ja nun gleichgestellt wurde. Dabei wurde die Berufstätigkeit beachtet. Die unbezahlte Care-Arbeit, die Frauen ja sowieso bis ins hohe Alter leisten jedoch nicht. Eine Frau hat noch geschrieben, dass Frauen zuerst mal soviel arbeiten und aushalten müssen wie Männer… 😂
Ich kenne keinen Mann, der so viel tragen könnte wie die meisten Frauen, die ich kenne, eh schon tragen. Und ihren Mann noch dazu. Sorry, aber es ist so.

Das ganze Feminismus-Thema und auch die Inklusions-Themen sind nach wie vor Themen, zu denen sich alle eine Meinung machen, sehr viele verstehen jedoch nicht besonders viel davon.
So ist Feminismus ganz sicher kein Frauen-, sondern ein Männerproblem und Inklusion ist ein Gesellschaftsproblem, nicht das Problem einzelner Menschengruppen oder Menschen.

Feminismus bedeutet von der Industrialisierung und der damit verbundenen Verpöhnung von Befindlichkeit und Gefühlsleben wieder mehr wegzukommen, um als einzelner Mensch, als Gruppe und als ganze Gesellschaft wieder gesünder und friedlicher leben zu können.

Ich empfehle euch sehr, das Buch zu lesen, über ein paar Dinge nachzudenken, das Thema kennenzulernen und euch mit eurer Meinung über all das auseinanderzusetzen.
Ich glaube, das ist für unsere Welt wirklich wichtig.




6 Antworten zu „Buch-Empfehlung: Wenn die letzte Frau den Raum verlässt“

  1. Ich möchte einfach nicht mehr jung sein! Es war eine große Last, den Männern gefallen zu „müssen“. Ich bin noch so erzogen worden.
    Und ja, dieser Irrtum ist noch weit verbreitet und wird wieder stärker. Gesellschaftliche Rückwärtsrolle eben.
    Ich bin so dankbar, dass meine Söhne ganz anders ticken.

    Gefällt 1 Person

  2. ja, das ist ein anderes Thema oder vielleicht ist es auch dasselbe Thema. Es geht dabei ja genau um den fehlenden Feminismus bzw ums Patriarchat. Sie stehen in anderen Kulturen / Ländern in dieser Hinsicht an einem ganz anderen Ort und es wäre wünschenswert, wenn wir uns nicht auch dorthin bewegen würden…
    Ich fand bei Facebook die „sexuellen“ Kommentare so krass. Also sich einsetzen, feministisch sein wird als unsexy betitelt und ich bin mir ganz sicher, dass es tatsächlich auch 2025 noch Frauen gibt, die es wichtiger finden, von solchen Männern als sexy angeschaut zu werden, als für voll genommen zu werden. Das den Männern gefallen müssen ist schon noch weit verbreitet…

    Gefällt 1 Person

  3. An die Kosten der Fußballspiele musste ich auch denken und laut lachen, obwohl das Thema überhaupt nicht lustig ist. Wir befinden uns gerade in einer Rückwärtsrolle, und das macht traurig und wütend.

    Gestern kam mir eine Familie entgegen, der Mann und Sohn in Shorts und T-Shirt, die Frau mit langem Rock, eine langärmeligen Jacke und einem Kopftuch. Dieser Anblick irritiert mich hin und wieder. Besonders unangenehm berührt bin ich im Hallenbad, wo die Männer und Jungs in knappen Höschen herumgockeln, die Frauen und Mädchen entweder nicht baden dürfen, oder nur im Ganzkörperbadeanzug und Kopfverhüllung. Ich weiß, das ist ein anderes Thema, aber ich denke trotzdem daran, was wir Frauen uns eigentlich erkämpft haben. Und ich besuche das Hallenbad nicht mehr.

    Gefällt 1 Person

  4. Das stimmt. Obwohl ich sagen muss, ich habe mich lange Zeit auch nicht unbedingt als Feministin gesehen, weil ich nicht das Gefühl hatte, von Misogynie oder ähnlichem besonders (na ja, Alltagssexismus gab es immer, aber ich hatte ein dickes Fell) betroffen zu sein.
    Aber als Mutter von drei neurodiversen Töchtern (merkwürdigerweise wird bei Jungs viel durch ADHS-Diagnosen und anderes entschuldigt, bei Mädchen wird immer noch Anpassung erwartet) und bei dem aktuellen Backlash der Gesellschaft gibt es meiner Meinung nach keine Alternative mehr.

    Gefällt 1 Person

  5. Ja, das kann ich mir vorstellen. Das lesen Menschen, die darüber schon viel wissen und die sich interessieren. Die andern interessierts halt einfach nicht… Thats the problem.
    Ich finds trotzdem gut, wenn viele es lesen und in Diskussionen all das einfliessen lassen.
    Das Krasse finde ich ja nicht Männer, die falsches oder wenig darüber wissen, sondern FRAUEN, die das tun. Frauen, die sich gegen Feminismus stellen. Also das verstehe ich nicht bzw es ist mir einfach klar, dass sie null vom Thema verstehen.

    Gefällt 1 Person

  6. Ich habe das Buch auch sehr interessiert gelesen, vor allem, weil ich die Hoffnung hatte: Wenn Männer das schreiben, nehmen andere Männer die Thematik eher an.
    Weit gefehlt: Die Exemplare, die ich nach der wärmsten Empfehlung verkauft habe, gingen alle an Frauen. Selbst die jungen, hippen Männer, die mit ihren Romantasy-shoppenden Freundinnen die Buchhandlung betreten, kaufen lieber „Think and Grow Rich“, ein Buch über Vermögensaufbau, das in der Erstausgabe 1937 (!) erschienen ist.
    Manchmal zweifele ich ja doch an der Menschheit …
    Zum Glück gibt es auch immer wieder total gegensätzliche, ermutigende Begebenheiten🙂
    Grüße aus dem Nordosten Westfalens
    Anja

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar

About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.