Risse 2


Das mit den Rissen finde ich ein interessantes Thema. Ein wichtiges auch.

Zum Beispiel, wenn ich mich als Mutter betrachte und mich reflektiere. Ich möchte mich als Mutter so verhalten, dass sich meine Tochter irgendwann später nicht therapieren lassen muss wegen unserer Beziehung zueinander oder wegen irgendwelchen Verhaltensweisen von mir. Ich finde, diese Verantwortung tragen wir Eltern (unter anderem).
Es spricht absolut nichts dagegen, sich therapieren zu lassen. Ganz im Gegenteil. Und ich glaube, wenn WIR es JETZT tun, müssen es unsere Kinder später nicht tun. Oder zumindest nicht aus denselben Gründen. Denn unsere innerlichen Risse und Wunden, die, wir ignorieren, verstecken, vernachlässigen und nicht heilen und vernarben lassen, die bleiben. Vielleicht trocknen sie aus und schmerzen weniger (aber nur, weil wir sie verdrängen – denn was uns nicht präsent ist, kann auch nicht schmerzen) – oder vielleicht entzünden sie sich und machen uns krank. Wer weiss…

Jedenfalls liegt es in der Natur der Sache, dass wir Menschen dazu neigen, solche Risse und Verletzungen weiterzugeben an unsere Kinder.
Oder auch an andere Menschen. Kaputte Menschen versuchen, andere Menschen kaputt zu machen, denn gesunde Menschen tun das nicht, da bin ich mir sehr sicher. Und das läuft ganz sicher nicht bewusst ab, sondern da machen wir uns etwas vor (denn wer will schon hinschauen?) oder sind nicht dazu fähig, zu reflektieren. Ein blinder Fleck.

Vermutlich ist dies hier ein Plädoyer darauf, sich mit sich selbst zu versöhnen und seine schmerzenden Anteile anzunehmen und als zugehörig zu betrachten. Vielleicht sogar lieben zu lernen.
Nein, ich denke nicht, dass das was uns nicht umbringt stärker macht. Das ist ein Spruch, der ganz oft Gewalt, Schmerz und Trauer schön redet. Das was uns nicht umbringt, haben wir überlebt, aber was hat es uns gekostet? Energie? Freundschaften? Lebenszeit? Unsere Gesundheit? Irgendetwas davon wird es sein…
Aber ja, was uns nicht umgebracht hat, haben wir überlebt und DAS haben wir wirklich toll gemacht. Dass wir DAS geschafft haben und das WIE wir es geschafft haben, DAS macht uns vielleicht tatsächlich stärker, wenn wir es als Erfahrungen und neues Werkzeug für unser weiteres Leben in unseren Werkzeugkoffer packen können. Bestimmt hat es aber auch etwas in uns für immer kaputt gemacht. Da klebt jetzt ein Pflaster, es verheilt und vernarbt. Man sieht irgendwann nichts mehr davon, spürt es kaum noch im Alltag. Aber man weiss nie, ob es vielleicht irgendwann doch wieder aufklafft und blutet…

Risse sind etwas ganz wundervolles, obwohl es ja zu verhindern wäre, dass wir immer noch mehr davon bekommen. Und trotzdem ist es so, man kann es nicht immer verhindern.
Ich finde, wir sollten einander viel mehr von unseren Rissen erzählen, denn keine:r ist ohne. Keine:r übersteht dieses Leben heil, es ist einfach so. Erfahrungen teilen und andern zuhören, das hilft sehr beim Verarbeiten und Verarbeiten ist besser als jede Narbensalbe…

Risse bleiben für so lange. Für immer sehr oft.
Aber was machen denn all die schönen Momente des Lebens mit uns? Welche Spuren hinterlassen sie?
Sind sie vielleicht die Pflaster auf unseren Rissen, die beim Heilen helfen?
Sind sie vielleicht die Kraft und Energie, die uns beim Überstehen und Überleben helfen?
Ganz bestimmt.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.