Ein Brief 🩷


Bei Sternentaler hat ein Mami ihre Gedanken mit uns geteilt und ich finde, sie hat das sehr berührend, sehr treffend, sehr ehrlich und einfach sooo gut gemacht. Das soll gelesen werden! Deswegen habe ich sie gefragt, ob ich es hier veröffentlichen darf. Und ich darf! Dankeschön!!! 🩷

Also, bitte sehr:

„Ich denke im Moment viel darüber nach, wie Aussenstehende mit Eltern eines behinderten Kindes
umgehen können.
Es gibt bei diesem Thema zwei Seiten. Die Seite der Eltern, die jeden Tag manchmal fast nicht auszuhaltende Lasten tragen müssen,
auch wenn der Alltag von aussen
ganz normal aussieht.
Die dann verletzt sind über Aussagen oder Taten von Aussenstehenden.
Und dann gibt es die Seite der Aussenstehenden, die nicht immer wissen, wie mit dieser Situation umgehen, die gut gemeinte Ratschläge geben oder
die Situationen verharmlosen und somit die Eltern verletzen.

Sicherlich gibt es Aussagen,
die einfach nicht sein dürfen und wirklich nur dumme Leute von sich geben. Aber ich denke,
bei vielen ist es das nicht wissen,
was die betroffene Familie durchmacht.
Woher sollte man sowas auch wissen, wenn man nicht selber betroffen ist.

Ich denke, es gibt bei den Aussenstehenden zwei Gruppen Menschen. Die einen, die wirklich verstehen wollen und helfen möchten und die anderen, die nicht verstehen wollen. Ja genau ich wähle bewusst die Worte „nicht verstehen wollen“
und nicht „nicht verstehen können“, denn da liegt der grosse Unterschied.

Diesen Text schreibe ich für alle Menschen aus der Gruppe
„verstehen wollen“.
Hattest du auch schon mal ein Tag
wo alles schief ging?
Der Zeitplan geht nicht auf,
wie er geplant war weil das Kind
krank ist und kein Babysitter
hat Zeit,
und genau heute wäre doch
dieser wichtige Termin.

Irgendwie lässt sich dann ein Babysitter finden und du fährst
gestresst zu diesem wichtigen Termin. Aber beim einparkieren
übersiehst du einen Pfosten und fährst den Seitenspiegel ab.
Auch der Termin läuft ganz und gar nicht wie geplant und gewollt.

Deprimiert fährst du mit dem kaputten Seitenspiegel nach Hause.
Auf dem Rückweg nur schnell in den Laden ein Brot zum Znacht holen.
Du möchtest deinem Kind eine Freude bereiten und ihm sein Liebelingsbrot mitbringen,
weil du es krank beim Babysitter lassen musstest, da du diesen wichtigen Termin hattest,
aber eigentlich lieber bei deinem kranken Kind sein würdest.

Du stehst vor dem Gestell,
es hat viele Brote, aber das Lieblingsbrot deines Kindes ist ausverkauft. Du merkst, dass du langsam am Anschlag läufst…..
was kommt denn noch alles heute?

Gerade jetzt kommt eine Bekannte
mit bester Laune um die Ecke.
Sie begrüsst dich und fragt,
wie es dir geht.
Du sagst ihr, dass du eigentlich unbedingt das Lieblingsbrot deines Kindes wolltest und es jetzt ausverkauft ist.

All die Ereignisse vom Tag
häufen sich,
dir kommen die Tränen.
Sie sagt dir, dass das doch nicht schlimm sei, du kannst ja ein anderes nehmen, ist ihr Vorschlag.
Sie verabschiedet sich von dir
und du merkst, dass sie dich gerade ein bisschen komisch fand….
wegen einem Brot in Tränen ausbrechen!

Und du bist unglaublich verletzt,
dass sie dich nicht ernst nimmt
und dir auch noch
einen super guten Vorschlag macht, wie du es besser machen kannst.

Du weisst ja selber,
dass du einfach ein anderes Brot kaufen kannst. Dabei ist doch der ganze Tag schon so beschissen.
Und du hast jetzt wirklich nicht auch noch die Kraft dieser Bekannten deinen ganzen Tag zu erklären und dich zu rechtfertigen.
Und genau das ist der Punkt.

Nicht das Brot hat dich zum weinen gebracht, sondern alles zusammen, das Brot war nur noch der Tropf der das Fass zum überlaufen gebracht hat. Im Moment, in dem du so verletzlich warst, ist leider per Zufall jemand gekommen, der dich mit seiner Antwort getroffen hat,
so dass du dich jetzt dadurch
nur noch schlechter fühlst.

Eine bessere Variante
wäre gewesen, zu fragen,
warum dir denn das Brot so
wichtig ist.
Dann hättest du nämlich gesagt bekommen,
weil dein Kind krank ist,
du den Seitenspiegel deines Autos abgefahren hast und dein wichtiger Termin nicht so gelaufen ist,
wie er sollte und dass du doch eigentlich jetzt noch etwas
Gutes aus dem Tag rausholen wolltest und deinem Kind
sein Lieblingsbrot mitbringen,
was jetzt aber auch
in die Hose geht.

Und genau so gehts es uns
IMMER,
jeden Tag!

Und das nicht nur vorübergehend,
es ist nicht nur einen Tag
oder mal eine stressige Woche.
Es ist Dauerzustand,
und kein Ende in Sicht.
Eine Behinderung wird
nicht plötzlich geheilt,
es bleibt ein Leben lang so!

Unser Tag ist vollgestopft mit Arztterminen, Abklärungen,
Streitereien,
wer nun was bezahlt,
Medikamenten besorgen,
daran denken, was wann alles organisiert werden muss
und natürlich die Betreuung
und Pflege des behinderten Kindes..

Und das alles ZUSÄTZLICH
zu dem ganz normalen Alltag
wie ihn jeder hat.

Damit komme ich zu dem Satz,
den ich so oft höre und ihn wirklich nicht mehr hören kann:

„Das haben alle,
auch die normalen Kinder,
das geht allen so.“

Ja das stimmt, das haben alle mit Kindern, und jetzt kommt das grosse ABER,
das uns so am Limit laufen lässt.
Alle Mütter müssen lernen ihre Kinder loszulassen wenn sie in den Kindergarten kommen
ABER
mein Kind kann nicht sprechen
und sich ausdrücken,
dein Kind kann reden.

Jedes Kind wird mal gehauen
ABER mein Kind kann
nicht wegrennen
oder sich wehren,
es muss sich alles gefallen lassen,
dein Kind kann wegrennen
oder zurück hauen.

Jedes Kind fällt mal hin
ABER mein Kind kann sich
nicht mit den Armen aufstützen oder den Kopf schützen,
dein Kind kann einen Sturz abfangen.

Jedes Kind muss früh zu Schule
ABER mein Kind wird um 7.00 Uhr abgeholt,
damit es um 8.15 Uhr
in der Schule ist und
das schon im Kindergarten..
dein Kind läuft 30 Minuten
zum Kinzgi.

Es gibt bei unseren Kinder einfach immer ein ABER und darum IST ES EINFACH NICHT DASSELBE!

Da wir Tagtäglich sehr grosser Belastung ausgesetzt sind,
sind wir auch sehr verletzlich
und das eigentlich immer!
Und das ist genau das Problem!

Die Aussenstehenden wollen nicht immer Rücksicht nehmen auf unsere Verletzlichkeit, das Verständnis ihrerseits dafür ist irgendwann aufgebraucht.
Nun und wir können nicht aus unserer Verletzlichkeit raus,
da wir Tagtäglich überlastet sind.

Ich glaube eigentlich gibt es
gar keine guten Tipps
für den Umgang mit Eltern mit einem behinderten Kind.
Ausser zu versuchen,
echtes Verständnis zu zeigen.“

🩷

Danke für‘s Schreiben. Und auch für‘s Lesen und für eure Gedanken dazu.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.