Schulabsentismus und Grenzüberschreitungen


Ich befasse mich beruflich immer mal wieder mit Grenzüberschreitungen bzw mit der Verhinderung derselben. In einem Seminar vor einiger Zeit wurde mir einiges bewusster und ich möchte dies mit euch teilen, im Wissen, dass Schulabsentismus wohl immer Hand in Hand mit Grenzüberschreitungen / Gewalt geht.

Schulabsentismus:
Ein Kind, das die Schule nicht mehr oder nicht mehr regelmässig besucht. Die Gründe sind in der Begriffserkärung in erster Linie unwichtig (was mich sehr stört) und es wird oft davon ausgegangen, dass das Kind schwänzt / nicht in die Schule gehen will (was mich noch viel mehr stört).

Grenzüberschreitungen:
Grenzüberschreitungen gemäss Bündner Standard beziehen sich auf unangemessenes oder respektloses Verhalten in sozialen und beruflichen Beziehungen, insbesondere in Schulen und Betreuungseinrichtungen. Dazu gehören verbale, physische oder psychische Übergriffe, die persönliche Grenzen verletzen, auch wenn sie nicht strafrechtlich relevant sind. Ziel des Standards ist es, ein sicheres und respektvolles Umfeld zu gewährleisten und präventiv gegen Machtmissbrauch vorzugehen.

Ich behaupte, dass Kinder, die an Schulabsentismus leiden (und ich nenne es sehr bewusst „leiden“) und auch ihre Familien / Eltern ganz gewaltige Grenzüberschreitungen erlebt haben und erleben in dieser Situation. Zum einen werden solche Grenzverletzungen ganz bestimmt Hauptgründe für den Schulabsentismus sein und zum andern wird mit Grenzverletzungen versucht, das „Problem“ zu beseitigen. Ich komme nachher gleich noch ausführlicher dazu.

Ich behaupte ebenfalls, dass die allerwenigsten dieser Kinder Schulschwänzer:innen sind oder nicht in die Schule gehen wollen. Nein, ich bin davon überzeugt, dass sie nicht mehr können. Und dieser letzte Satz bezieht sich nicht unbedingt nur auf die Schule, sondern auf ihre allgemeine Befindlichkeit. Sie können einfach nicht mehr.
Das ist eine sehr ernste Situation.

Eltern, deren Kinder die Schule nicht mehr oder nicht mehr regelmässig besuchen, finden sich sehr oft in einer sehr ausweglosen Situation wieder.
Zum einen ist es sehr schwer, sein Kind dermassen leiden zu sehen und in den meisten Fällen ja gar nicht zu wissen, was genau los ist oder wie man ihm oder ihr helfen kann. Das ist wirklich sehr, sehr schlimm.
Und hier würde ich mir wünschen, dass auf diese Eltern mit Verständnis und Respekt zugegangen würde. Und auch im Wissen, dass da ein krankes, sehr leidendes Kind ist, das wirklich Hilfe braucht jetzt, denn Schulabsentismus ist ein Symptom, keine Ursache. Schulabsentismus ist nicht das Problem, sondern die Folgen eines Problems, das es gilt heraus zu finden. Das ist aber natürlich etwas anstrengend und mit Aufwand verbunden. Die Wurzeln des Problems könnten eventuell eine Ursache oder DIE Ursache in der Schule haben und das wäre ja dann überhaupt nicht erwünscht, diese aufzudecken. Also wird ganz, ganz oft davon abgelenkt und das ist nicht schwierig, denn man ist am längeren Hebel. An der Macht.
Und gegenüber sind Eltern, die sehr besorgt und bereits auch sehr unter Druck sind, immer unter Verdacht, etwas total falsch zu machen, Schuld zu sein. Denn sie verstossen gegen die Schulpflicht. Plus haben sie zuhause ein Kind, um welches sie sich wahnsinnig sorgen. Dies ist jedoch Nebensache, das interessiert in diesem Fall aus oben genannten Gründen eigentlich niemanden so richtig.

Dazu möchte ich noch kurz sagen, dass mir irgendwann viel, viel später jemand gesagt hat, mein Kind hätte es soooo gut gemacht. Bevor es noch viel kranker geworden ist oder gar suizidal, hat es sich geschützt und zwar damit, dass es sich dieser krankmachenden Situation nicht mehr gestellt hat. Sie hat das natürlich unbewusst gemacht, mit Ängsten und Widerständen. Aber dies zeigt, wie ernst es ist.

Die Schulpflicht… Eltern sind dazu verpflichtet, ein Kind in die Schule zu schicken. Tun sie es nicht, dann verstossen sie gegen eben diese Schulpflicht und das kann ganz schlimme Folgen haben.
Zum Beispiel wird einem in solchen Situationen sehr gerne immer wieder mit der Kesb / Jugendamt gedroht, was einem in dieser Situation tatsächlich dann auch Angst machen kann, weil man doch einfach nur möchte, dass alles wieder normal ist. Es wird massiv Druck aufgesetzt. Im Kanton Luzern ist es so, dass die Schulleitung und Schulpflege zB eine Busse von bis zu 1500 Franken und bei Wiederholungsfällen von bis zu 3000 Franken aussprechen kann. Ich gehe davon aus, in andern Kantonen wird sich das in etwa ähnlich verhalten.
Das macht Eltern zusätzlich Angst und Druck.

Eltern werden so mit Druck dazu gezwungen, ebenfalls Druck auszuüben. Grenzüberschreitungen.
Ich habe zum Beispiel meine Tochter viele, viele Male weinend (oft beide) in die Schule geschleppt, trotz Panikattacken und sehr grossen Widerständen. Ich wollte das nicht, aber ich musste. Denn was wäre passiert, wenn ich es nicht gemacht hätte? Was wohl? Ehrlich gesagt, möchte ich es gar nicht wissen…
Ich kenne Fälle, bei denen tatsächlich die kesb / Jugendamt eingeschaltet wurde und denen ihr Kind fremdplaziert wurde. Aus keinem Grund bzw aus dem Grund, dass man davon ausging, dass zuhause Missstände herrschen, wenn ein Kind nicht mehr in die Schule geht.
Solche Geschichten sind nicht erfunden. Die passieren tatsächlich und die machen wahnsinnig Angst, in einer Situation, in der man eh schon gestresst und verunsichert ist.

Es ist wirklich furchtbar.
Es gibt bei Schulabsentismus wohl keine Mutter, der nicht immer wieder gesagt wird „lass dem Kind das nicht durch“, „sei klarer und strenger“, „du musst es einfach in die Schule schicken und nicht zuhause behalten, dann geht es dann schon“, „greife mal ein wenig durch“, „habe eine klare Haltung“ usw…
Aber wisst ihr was? Die Mutter ist verdammt nochmal nicht Schuld daran, dass ihr Kind nicht in die Schule kann. Es ist eine Frechheit, solche Dinge zu sagen und es zeugt davon, dass man die Situation total missversteht und auch missinterpretiert und aus dem heraus urteilt.
Also noch mehr Druck.

Was man damit erreicht ist, dass einmal mehr diese Situation nicht ernst genommen wird und Eltern sich noch missverstandener, alleiner und im Fehler fühlen…
Ganz ehrlich. Eltern hinterfragen sich in solchen Situationen wirklich mehr als genug und sie verzweifeln.

Was auch sehr beliebt ist in solchen Situationen, um der Ursache nicht auf den Grund gehen zu müssen ist, wie oben geschrieben, den Familien Missstände zuhause vorzuwerfen. Oder den Müttern Münchhausen by Proxy.
Wir haben beides erlebt.
Als ich nur noch unter Druck war mit der Drohung einer Busse von der Schulleitung, was für mich als Alleinerziehende halt auch finanziell schwierig gewesen wäre, standen immer diese Äusserungen von „Missständen zuhause“ im Raum. Ich bin alleinerziehend, das hat für diese Äusserungen ja bereits gereicht. Ich weiss, dass bei uns keine Missstände herrschen oder zumindest nicht mehr als bei anderen auch (…), aber wie könnte man das im Ernstfall denn bitte beweisen? Wenn eine Autoritätsperson wie zB ein Schulleiter so etwas behauptet? Wenn Macht missbraucht wird, um eigene Unzulänglichkeiten zu verstecken?
Mir wurde in dieser Zeit immer wieder geraten, die Füsse still zu halten und nichts zu provozieren, also mich nicht mehr zu wehren….
Das habe ich auch tatsächlich getan. Schlimm eigentlich, oder? Aber ich hatte einfach so grosse Angst.

Und Münchhausen by Proxy… Ich erkläre es euch kurz, denn die wenigsten werden es kennen. Ich kenne es, weil ich Sozialpädagogin bin. Es ist nicht so, dass ich schon mal jemandem begegnet bin, der / die diese Krankheit hat, denn ich bin mir ganz sicher, dass diese wirklich sehr schlimme Krankheit nur sehr, sehr selten auftritt:
Das Münchhausen-Proxy-Syndrom (Münchhausen by Proxy) ist eine Form des Kindesmissbrauchs, bei der eine Bezugsperson – meist ein Elternteil – absichtlich Krankheitssymptome beim Kind hervorruft oder vortäuscht, um medizinische Aufmerksamkeit zu erhalten. Die betroffene Person sucht oft wiederholt ärztliche Hilfe für das Kind und gibt sich selbst als fürsorglich dar, während sie in Wirklichkeit das Leiden verursacht. Dies kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen für das Kind haben und erfordert oft medizinische, psychologische und juristische Intervention.

Unser damaliger Hausarzt hat bei einem Arzttermin zu mir gesagt, ich solle doch einfach mal endlich ein bisschen klarer sein und dann ginge das Kind dann schon in die Schule. Die Krankmeldung, die ich benötigt hätte um eine Busse zu umgehen, hat er mir nicht gegeben. Und danach hat er mich darauf hingewiesen, dass Mütter, die ihre Kinder zu sehr beschützen, gern mal die Diagnose Münchhausen by Proxy bekämen…
Ich kann mich wirklich gut daran erinnern, obwohl es 2,5 Jahre her ist. Ich war schockiert und habe am selben Tag noch die Arztpraxis gewechselt. So etwas ist also wirklich sehr unprofessionell und sehr, sehr respektlos.

In dieser Zeit war ich durch den Verein Longcovid Kids in Kontakt mit einer Mutter, der das auch tatsächlich passiert ist. Das Kind litt an Longcovid und dementsprechend an recht diffusen Symptomen, war wirklich sehr krank. Es wurde fremdplatziert und zwar in die geschlossene Abteilung der Kinderpsychiatrie. Dort wurde es abgeklärt und von der Mutter fern gehalten. Es durfte eigentlich mit der ganzen Welt Kontakt haben, nur mit der Mutter nicht. Wöchentlich lediglich ein Telefonat, mit Aufsicht.
Die Mutter hatte die Auflage, sich in Therapie zu begeben, um nachweisen zu können (also ein Gutachten erstellen zu lassen), dass sie nicht an Münchhausen by Proxy leidet.
Dieses Gutachten konnte sie dann nach drei Monaten tatsächlich auch vorweisen und das Kind durfte wieder nach Hause. Zweifelsohne waren danach beide stark traumatisiert.

Solche Geschichten gibt es also tatsächlich, das sind keine Märchen. Ich habe mit der kesb beruflich ja immer mal wieder zu tun und ich halte wirklich viel von denen. Ich habe keine Angst vor der kesb. Und ich weiss, dass bei uns alles total in Ordnung ist. Aber mir war immer klar, mit einem Kind mit Schulabsentismus und einer Schulleitung, die vielleicht irgendwas erzählt dort, kann das alles für uns ganz schlimm enden. Das war einfach unberechenbar.

Bei uns kam dann zum Glück alles gut heraus. Meine Tochter ging dann in die Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychatrie, was für uns eine sehr gute Erfahrung und durchaus ein Game Changer war.

Um mal zum Thema Grenzüberschreitungen und Gewaltanwendung zurück zu kommen…
Ich weiss nicht, ob ich den Zusammenhang meiner Ausführungen zum Thema Grenzüberschreitungen noch erklären muss. Ich glaube nicht. Wir haben unendlich viele Grenzüberschreitungen erlebt und unendlich viel Gewalt. Meine Tochter sowie ich (bzw wir als Eltern).

Ich möchte, dass sich zwei, drei Dinge verändern und dafür setze ich mich ein. Und das ist auch der Grund, warum ich davon erzähle. Es macht nichts ungeschehen für uns, aber vielleicht für zukünftige Familien…
Ich möchte, dass mit Schulabsentismus anders umgegangen wird. Dass das Leiden dieser Kinder gesehen wird und dass man dieses nicht einfach übergeht.
Dass man zusammen auf einen Weg geht – Schule und Eltern und wer auch immer dazu noch involviert wird -, der es dem Kind ermöglich, wieder in die Schule gehen zu können und nicht ein Weg, der es ihm unmöglich macht und unendlich viel Schaden anrichtet.

Ich möchte, dass mit Eltern anständig umgegangen wird.
Bei den wenigsten schulabsenten Kindern herrschen wohl zuhause Missstände. Und wenn, dann hilft es niemandem, diesen Familien zu drohen, sie zu BEdrohen, sondern es hilft ihnen, wenn mit Verständnis auf sie zugegangen wird und dann wie oben bereits geschrieben, zusammen dieser Weg gesucht wird.
Ich möchte auch nicht, dass Eltern dermassen unter Druck gesetzt werden, weil dies keine Situation besser macht. Nur schlimmer. Und weil dies Menschen kaputt macht.

Ich möchte wirklich nicht, dass Kinder, die nicht mehr in die Schule können, noch mehr Gewalt erleben müssen, ausgeübt von überforderten Erwachsenen.
Es gibt auch andere Wege.

Ich möchte wirklich gerne, dass erwachsene Personen offener darüber sprechen können, dass auch sie manchmal nicht weiter wissen, den Weg nicht kennen, so eine Situationen noch nie erlebt haben. Das ist nur eine Momentaufnahme. Aus einem Nicht-Weiter-Wissen entsteht zusammen dann schon eine Richtung, davon bin ich überzeugt.
Aber bitte einfach nicht aus Überforderung und dem nicht eingestehen derselben alles an die Wand fahren. Ich finde, das ist viel unprofessioneller und auch viel unverantwortlicher, als auch mal zu sagen, dass man gerade nicht weiss, was die beste Vorgehensweise ist.

Denn all dies ist GEWALT.
Es sind Grenzüberschreitungen.
Psychische und physische.

Ich fühle mich immer noch oft sehr schlecht, weil ich für eine ganze Weile in diesem Hamsterrad gefangen war und so viel Druck auf mir hatte und so viel Angst hatte und mit allem so sehr alleine war, dass ich nicht anders konnte, als diesen Druck auf meine Tochter zu übertragen.
Einfach auch aus Angst, ich könnte sie verlieren. Mir blieb nichts anderes übrig. Wirklich nicht. Und das ist keine Ausrede.
Ich möchte nicht, dass es andern Eltern und Kindern so ergeht. Ich möchte wirklich, dass sich das ändert.

Ich habe das alles mit meinem Kind thematisiert, erklärt und geklärt, aber mir tut so vieles von Herzen leid….
Wir haben in dieser Zeit viel Schlimmes erlebt. Und es ist jetzt vorbei. ES IST VORBEI und alles ist gut.
Aber ich weiss, dass wir bei weitem nicht die einzigen sind, nie waren und nie sein werden….

Schaut da bitte hin.

Betroffene Eltern möchte ich dazu ermutigen, wenn möglich, diese Grenzüberschreitungen nicht zu begehen und sich Hilfe zu holen, wenn es die Möglichkeit dazu gibt.

2 Antworten zu „Schulabsentismus und Grenzüberschreitungen“

  1. Unsere Schulsysteme sind sowas von überholt – ein Alptraum für so viele Kinder, immer noch und immer wieder seit so vielen Jahrzehnten und noch länger. Danke dir!

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.