Wo sind sie?


Ich arbeite in einer Institution, in der Menschen mit einer (oder mehreren) Beeinträchtigung(en) wohnen und arbeiten bzw wir begleiten sie auch ambulant, falls sie ausserhalb der Institution wohnen oder arbeiten möchten.
Ich bin 1995, nach dem schweren Motorradunfall meines Bruders, von meinem Beruf als Schriftsetzerin (Typografin / Polygrafin) umgestiegen in den Sozialbereich und habe nach einem Praktikum noch das 4jährige berufsbegleitende Studium in Sozialpädagogik gemacht. Ich bin also schon sehr lange Sozialpädagogin und in diesen vielen Jahren habe ich immer mit Menschen gearbeitet, die in speziellen Lebenssituationen sind oder deren ganzes Leben anders verläuft wegen zB einer Beeinträchtigung.
„Wegen dieser Beeinträchtigung“ ist eigentlich eine Aussage, die ich so gar nicht meine, sondern eigentlich will ich sagen „wegen unserer Gesellschaft, die eine Beeinträchtigung zur Behinderung macht“.

Wie ihr wisst, liegt mir Inklusion seit langem sehr am Herzen und noch viel mehr seit der Autismus-Diagnose meiner Tochter. Seitdem erlebe ich es sehr direkt, wie Ausgrenzung funktioniert und wie schlimm es ist. Und auch, weil ich nicht verstehe, warum wir Menschenrechte haben, die offenbar nicht für alle gelten, obwohl wir alle Menschen sind und laut Gesetz natürlich für alle gelten.
Ich bin sehr glücklich, dass ich mich privat sowie in meiner Arbeit mit diesen Themen befassen und hoffentlich auch ein bisschen etwas bewirken darf.

Ich überlege mir immer wieder mal, warum sich wohl Inklusion als so schwierig gestaltet und ich bin überzeugt davon, der Grund ist, weil die allermeisten von uns nicht betroffen sind und auch keine Menschen in unserem Umfeld haben, die betroffen sind. Das ist vermutlich bei vielen Themen der Hauptgrund, warum es einen nicht interessiert bzw es interessiert ja dann erst, wenn man betroffen ist. Kann ja jederzeit passieren. Bei einem selber oder bei jemandem, den man gern hat. Und dann sieht die Welt plötzlich ganz anders aus.

Ich glaube, ganz viele von uns meinen ja, dass wir in einer inklusiven Gesellschaft wohnen. Aber stimmt das wirklich?
Mich würde es interessieren, wieviele von euch im Alltag / im Umfeld in Kontakt kommen mit jemandem, der / die eine Beeinträchtigung hat. Und ich würde behaupten, dass das die wenigsten sind bzw wirklich nur die, die im näheren Umfeld jemanden kennen.
Alle anderen bzw so ziemlich alle anderen sind nämlich nicht hier. Sie leben in einer Parallelwelt, in einer Institution. Und dort arbeiten sie auch. Zum grossen Teil deswegen, weil dort eine Welt für sie aufgebaut wurde, in der sie zurecht kommen.
Warum sind nicht alle von uns in Kontakt mit Menschen mit einer Beeinträchtigung? Wie soll es denn so zur Inklusion kommen? Zu Verständnis? Warum sind Menschen mit Beeinträchtigungen nur seeeehr selten in den Orts-Vereinen? Oder in den Firmen / Geschäften des Ortes angestellt? Wie kann man sie denn so kennen lernen und sie uns? Verständnis entwickeln? Ressourcen erkennen? Hemmungen abbauen?

Lass uns normalisieren, verschieden zu sein und dass alle dazu gehören. Was für eine Bereicherung!

4 Antworten zu „Wo sind sie?“

  1. Liebe Andrea, du hast wahrscheinlich Recht. Interesse wird meistens dort gezeigt, wo es betrifft. Aber dann öffnen sich neue Sichtweisen und Erkenntnisse, die ich persönlich als sehr bereichernd finde. Liebe Grüße, Leela

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  2. Ja, leider. Genau aus diesem Grund gibt es meinen Blog, um dagegen Gegenan zu arbeiten. Mittwoch halte ich über den BDH ein Webinar zum Thema Hilfsmittel. Wenn schon behindert, dann doch wenigstens der eigenen Rechte bewusst. https://weitermitplanb.org/2024/05/29/das-koennen-wir-doch-besser/

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  3. Sehr wahr.
    Ja, ich denke das auch. Es interessiert die meisten nur oder erst, wenn es sie betrifft.

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  4. den meisten Menschen ist Inklusion einfach egal. Das ist nicht böse gemeint, sie können sich die Schwierigkeiten von uns einfach nicht vorstellen. Konnte ich auch bis zu meinem Schlaganfall nicht wirklich, obwohl ich auch den Sozialbereich vorher gut kannte. http://weitermitplanb.org/2023/02/17/ich-wuerde-gerne-mal-wieder-dabei-sein/
    Schwierig finde ich aber Menschen wie den Behindertenbeauftragten der Bundesregierung. Herrn Dusel. Nur Stereotype und immer hoch angepasst. Er ist selber durch ein Augenleiden körperbehindert. Da muss einfach mehr kommen. In so einer Aufgabe muss ich unbequem und penetrant sein. Bildet euch mal auf Facebook ein eigenes Urteil.

    Ein erster Schritt wäre es, wenn wir UNSEREN Beauftragten selber wählen dürften.

    Dir ein schönes Wochenende. Schöner Beitrag wieder

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.