Ja, eine Pause!


Brauchst du eine Pause? Wovon?

Brauche ich eine Pause? JA

Wovon? Einfach von allem.

Muss man da noch mehr dazu sagen? Wenn ich sage, dass die meisten Alleinerziehenden sowieso Schwierigkeiten haben, sich mal aus dem Alltag raus zu nehmen, weil kein zweiter Elternteil da ist, der dann übernehmen kann, klingt es wohl wie Gejammer. Aber das ist nun mal einfach die Realität.

Ich habe mal gelesen, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind grosszuziehen. Ja, ne? Wo ist denn dieses Dorf bitte? Ich hatte in Bezug auf diese Aussage übrigens total falsche Vorstellungen von Frauenvereinen. Ich hatte gemeint, die würden einander genau in solchen Situation auch unterstützen, sei es moralisch oder wie auch immer. Ich glaube, früher war das vielleicht mal so. Viel früher. Aber vielleicht meine ich das auch nur und bin reichlich naiv.
Und ich habe auch gelesen, dass es nicht machbar ist, alleinerziehend zu sein ohne Familie (also zB Eltern oder Geschwister) im Rücken, die mal etwas abnehmen, die einen unterstützen usw.
Ja… und was soll man denn machen, wenn man das nicht hat und dennoch alleinerziehend wird? Dann bleibt einem wohl einfach nichts anderes übrig, als es doch zu schaffen. Und ich muss sagen, es ist machbar. Aber ich muss auch sagen, dass man wirklich sehr viele Abstriche machen muss und zwar machen das die meisten wohl bei sich selbst. Neben Arbeit, Haushalt, Organisation der Familie, Kindererziehung- und betreuung hat man keine Freizeit mehr. Dafür hat ein Tag zuwenig Stunden, dafür hat ein Mensch aber auch zuwenig Energie.

Ich bin also nun seit fast 6 Jahre alleinerziehend. Seit etwa 1,5 Jahren unter noch etwas erschwerteren Bedingungen. Mir wurde in den letzten Monaten einige Male gesagt, dass sich ganz viele andere in meiner Situation in stationäre Behandlung hätten begeben müssen. Ich nicht. Ich bin gesund geblieben. Ich kann jedes Problem, das auf mich zu kommt lösen. Es ist einfach so. Ich wünschte, ich müsste das nicht sein, aber ich bin eine fucking gute Problemlöserin und Krisen-Übersteherin. Ich nehme an was kommt und stehe es durch. Muss ja.

Es bedeutet aber auch, dass ich wirklich wahnsinnig erschöpft bin. Und trotzdem geht es mir recht gut. Ich hänge einfach Tag und Nacht am Ladekabel, damit der Akku nicht ins Rote fällt und ich versuche, mir kleine Auszeiten zu nehmen, um ihn step by step immer etwas höher steigen zu lassen. Bis ich das Kabel dann irgendwann mal wieder ausstecken kann und er nicht gleich runter fällt.

Es bedeutet auch, dass ich in den letzten Jahren viele Abstriche gemacht habe. Und ganz besonders in den letzten 1,5 Jahren. Ich war seitdem glaubs nie abends weg. Zwischendurch an einem Nachmittag auf einen Kaffee kann ich es mir einrichten, aber sehr selten. Kann man wohl an einer Hand abzählen, wie oft das war. Trotzdem geniesse ich das jedesmal sehr.
Weil ich keine Zeit und Möglichkeit mehr hatte, meine sozialen Kontakte, die mir immer wichtig waren, genügend zu pflegen, bin ich unterdessen doch ziemlich allein. Jedenfalls fühle ich mich manchmal so und ich treffe sehr selten andere Menschen, denn ich wüsste einfach wirklich nicht wann. Ich habe auch manchmal einfach nicht mehr so die Energie zum Telefoniern oder schreiben, obwohl ich das gerne hätte. Und dennoch gibt es so einige, die das auch verstehen und den Kontakt zu mir von sich aus aufrecht erhalten. Darüber bin ich echt sehr dankbar. Bestimmt kommen auch wieder Zeiten, in denen ich wieder mehr Zeit für sowas habe.

Es bedeutet auch, dass ich seit 6 Jahren Single bin und es wohl auch bleiben werde. Ich habe in diesen 6 Jahren 2x gedatet und einmal gemerkt, dass das Leben eines Mannes in meinem Alter sich von meinem um 180 Grad unterscheidet. Er hat das, was ich nicht habe. Geld und masslos viel Freizeit. Das ist nicht so ganz kompatibel. Und ich habe ich gemerkt, dass ich keine Kapazität für kompliziertes Zeugs habe. Ich setze bei einer erwachsenen Person eine gewisse Reife, Lebenserfahrung und auch Charakterstärke voraus. Die Fähigkeit, sich auf etwas einzulassen und zu kommunizieren. Die Fähigkeit, nicht wegen jedem Scheiss überfordert zu sein und auszuweichen. Und ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass viele Männer das können. Vielleicht auch viele Frauen nicht. Das weiss ich aber nicht, denn Frauen interessieren mich auf dieser Ebene ja nicht und ich habe da keine Erfahrung.

Ja, also, die Antwort lautet JA.
Ja, ich brauche eine Pause. Ich brauche mit meinem Kind Urlaub irgendwo wo nicht zuhause ist. Einen Escape von einfach allem bzw BRÄUCHTE.
Ich glaube, da spreche ich für viele Alleinerziehende, für viele Mütter oder Eltern mit Kindern im Autismus Spektrum oder anderen Beeinträchtigungen oder auch einfach für viele Eltern allgemein. Es ist einfach so. Eine solche Pause ist nicht realisierbar momentan, aber kleine Pausen schon manchmal.. Und die versuche ich mir zu nehmen. Kleine Pausen mit einem Kaffee oder Tee vor mir und etwas schreiben oder malen, lesen oder irgendwas, auch wenn es nur ein paar Minuten sind. Und so ist eigentlich alles in Ordnung wie es ist. Irgendwie jedenfalls. Es gibt keinen Grund zum Jammern und das soll dieser Text auch nicht sein. Aber es ist die Realität und ich finde, man darf darüber sprechen. Soll sogar.

Ich glaube, viele von uns und auch ich bräuchen auch eine Pause von den ganzen Nachrichten über das aktuelle Weltgeschehen. Eine Pause von den ganzen wenig intelligenten Reality-Shows im Fernsehen.
Von den sozialen Medien.
Eine Pause vor all der Hektik, vor all den Informationen, Aufgaben und Stress. Überall wo man ist, ob physisch oder auch in Internet will einem jemand etwas verkaufen. Wir werden bombardiert von Nachrichten und wirklich sehr viel Werbung von irgendwelchen Firmen, aber auch immer mehr von Privatpersonen. Das sind alles Eindrücke und auch Erwartungen, die auf uns einprasseln….

Ich glaube, es ist einfach allgemein alles irgendwie ein bisschen viel für viele Menschen und es ist mega wichtig, sich gut abgrenzen und einteilen zu können.

11 Antworten zu „Ja, eine Pause!“

  1. Das freut mich für dich!
    Irgendwann mach ich das auch!

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  2. Da ich seit einigen Monaten einen fast 24/7-Job habe, kann ich das gut nachvollziehen. Ist zwar ein anderer Kontext, als bei Dir, aber das Gefühl ist ähnlich. Dieses Jahr werde ich mir zum ersten Mal seit 30 Jahren einen Urlaub im Ausland gönnen… Und Dir würde ich das Gleiche wünschen, damit Du auch mal wieder abschalten und durchatmen kannst.

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  3. Ja Tipps sind kontraproduktiv. Du weißt bestimmt sehr genau, was du brauchst. Hilfe in Form von Menschen die einfach da sind, die nicht fragen, sondern machen. Einfach mal ein Essen vorbeibringen oder abends einen Tee mit dir daheim trinken – und dann kommt ein Gespräch zustande und es wird leichter, schön.

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  4. Ich bin nicht in Deutschland. Mit einem autistischen Kind ist es nicht immer möglich, im Urlaub wegzufahren.
    Danke trotzdem. Aber ich brauche eigentlich keine Tipps. Ich weiss ziemlich genau, was möglich ist und was nicht. Wäre wegfahren möglich, würde ich es wohl tun, ne?

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  5. schau doch mal hier http://www.biberspur.com da gibt es Gutscheine, wenn man gerade keine Zeit hat 😉

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  6. Dafür bleibt leider nur selten Zeit, tut aber gut.

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  7. Das gibts nicht in der Schweiz

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  8. Möglichkeit nach Antragstellerei: Mutter Kind Kur!

    Gruß von Sonja

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  9. mal einfach raus in die Natur und Seele/ Beine baumeln lassen

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.