Märchen in den Zeiten von Corona, Teil 3

Die böse, alte Hexe ist ein biiiiisschen gestresst. Sie sitzt auf dem Bänklein vor ihrem Häuschen und schaut einer Krähe zu, die vor ihr auf dem Boden herum hüpft und schimpft wie ein Rohrspatz. Und auch sie tut das. Sie ist s.t.i.n.k.s.a.u.e.r ! Seit 1,5 Jahren hat sich das Leben mitten im Wald einfach total verändert, vorbei ist es mit der Idylle und der Stille. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich hin und wieder ein Kind im Wald verlaufen und sich im Käfig der Hexe wiedergefunden hat. Was für ein leckerer Schmaus das jedesmal war!
Das ganze Dorf scheint den Wald plötzlich für sich entdeckt zu haben. Spaziergänger, Radfahrer, Wanderer, Nordic Walker, Jogger… es ist kaum einmal einen ganzen Tag lang still und ruhig rund ums Hexenhäuschen herum. Das kleine Gärtchen mit den Zauberpflanzen und Gewürzen ist zertrampelt und die Dorfkinder haben überall am Haus Lebkuchen stibitzt. Das halbe Haus ist aufgefressen! Überall Löcher und Ritzen, wo der kalte Oktoberwind reinpfeift.
Und bald würde der Winter kommen…

Frau Holle hat lange keine Praktikantin mehr genommen, sie fand es in ihrem Alter momentan einfach zu unsicher, engeren Kontakt zu jemandem zu haben. Und so war sie nun mehr als ein Jahr lang alleine in ihrem kleinen Haus. Sie hat gemacht, was sie konnte, aber die grossen Kissen und Decken auszuschütteln, dafür reichte ihre Kraft in den Armen schon längst nicht mehr.
Die Bäume draussen waren voller reifer, roter Äpfel, die niemand pflücken wollte und schon die vom letzten Jahr waren kümmerlich am Boden verfault. Käfer und Ungeziefer haben sich darüber gefreut. Und auch das Brot im Ofen war nur noch ein Stückchen Kohle, weil niemand es raus holte.
Food Waste par excellence! Dabei hatte sie extra die To Good To Go App runtergeladen und sich dort registriert. Doch niemand kam, um die guten Sachen zu holen. Der Weg durch den tiefen Brunnen war einfach zu umständlich und für einen Online Shop und Lieferservice fühlte Frau Holle sich einfach nicht mehr im Stande.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter. Eine war schöner als die andere. Alle schliefen zusammen in einem grossen Schlafsaal und immer spät abends, als jede in ihrem Bettlein war, schloss der König den Saal ab, damit keine nach draussen konnte, um sich mit Prinzen, Zauberern oder andern Halunken zu treffen.
Jeden Abend wartete der schöne Prinz Moldi vergeblich vor der hinaufgezogenen Zugbrücke der grossen Burg. Mit wallender Mähne schritt er auf und ab. Nacht für Nacht für Nacht für Nacht. Machte mit Kuhglocken und Plakaten auf sich aufmerksam und schaltete sogar die Medien ein, die eifrig darüber berichteten. Die Lichter im Schloss blieben jedoch aus, die Prinzessinnen schliefen tief und fest, nicht ahnend, was sie verpassten…

Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, allgemein bekannt als Lügenbaron, erlebt im Jahre 2021 den Höhepunkt seiner Karriere als Geschichten-Erzähler. Hier erzählt er Geschichten übers Impfen, dort übers Nicht-Impfen, hier über den Notstand in den Spitälern und dort, dass das alles gar nicht stimmt. Erzählungen über Verschwörungen und geheime Allianzen, über mysteriöse Viren, die sich im Nullkommanichts verbreiten, irr und wirr,
alles erstunken und erlogen, keiner weiss mehr was wahr ist, was erfunden. Und Münchhausen geniiiiiiesst den Zwiespalt, den er sät und schweigt. Nicht.

Auch schon bessere Zeiten hat das Tischlein Deck Dich gesehen. Neustens gehört zu seinen Aufgabe nicht mehr nur das zauberhafte Auftischen von allerlei wunderbaren Speisen und Getränken, es muss nun auch noch jeden Gast nach seinem Zertifikat fragen und der an seinem Bein angebrachte Scanner zwickt und zwackt und das Tischtuch rutscht immer wieder darüber und stört.
Aber DAS ginge noch. Viel unangenehmer fand es, dass ihm unzufriedene Gäste hin und wieder ans Bein pissten.

König Christoph war schon alt und langsam wurde es Zeit, an seine Nachfolge zu denken. Er war gerade von Covid genesen und fühlte sich immer noch etwas schwach.
All seine drei Töchter waren gewillt, die nächste Königin zu werden, aber nur eine konnte es werden. So fragte er die drei jungen Frauen, was er ihnen wert sei.
Die Erste antwortete: „Vater, du bist mir so viel Wert wie alles Gold und Silber auf der ganzen Welt.“
Die Zweite sagte, er sei ihr mehr wert als die kostbarsten Diamanten und Edelsteine, die es gäbe.
„Vater, du bist mir so viel wert wie das Salz in meiner Suppe“, antwortete die dritte, jüngste Tochter und ihre Schwestern lauschten mit grossen Augen und lachten sie aus. Auch der König fand diese Antwort albern und seiner nicht würdig. Die jüngste Tochter erklärte, sie wolle es ihm zeigen und so ging sie in die Hofküche und bereitete dort eine Suppe ohne Salz zu, um sie ihrem Vater zum Abendbrot zu servieren. Er sollte so verstehen, was sie meinte.
Der König aber verstand nicht und verbannte sie wutentbrannt vom Hofe, ja gar vom Königreich.
(Sein Geschmackssinn kam erst ein paar Monate später wieder zurück, aber es war zu spät und die Tochter war nicht mehr auffindbar.)