Der Stärkere überlebt. Und die andern?

Heute ist der Tag vor Allerheiligen oder Halloween, wie man ihn auch nennt. Ein guter Tag, um über Leben und Tod nachzudenken, finde ich.

Über das Leben nachzudenken ist ja viel schöner, als über den Tod und doch kommen wir manchmal nicht drum herum. Aber nur, wenn man es zulässt. Denn obwohl auch der Tod ein Teil des Lebens ist, wird er gerne verdrängt und verschwiegen. Auch heute, wo er aber doch recht präsent ist seit einer Weile.

Ich höre immer mal wieder, dass wir mit unseren Massnahmen und Einschränkungen in einer Diktatur leben würden, Vergleiche mit dem Nazi-Deutschland werden gemacht und Sophie Scholl und Anne Frank zitiert.
Ich habe in den letzten Wochen sehr viel über all das gelesen, vor allem über die Weisse Rose und über die Geschwister Scholl, da ich an einem dieses Mal recht aufwändigen Text darüber arbeite. Das ist ein interessantes Thema, durchaus. Und ich fnde, dass Vergleiche mit den Ideologien der Nationalsozialisten durchaus gemacht werden könnten. Aber ich würde da die Frage in den Raum stellen, ob alle die das tun sich bewusst sind, auf welcher Seite sie da genau stehen.

Ein Zwiespalt oder sagen wir eine Uneinigkeit, die momentan ja besteht, betrifft all diese Todesfälle an oder mit Corona. Während dem wir vor allem anfangs darum bemüht waren, die Menschen der bekannt gewordenen Risikogruppen zu schützen, indem wir gewisse Schutzmassnahmen befolgt haben, sind diese nun entweder geimpft und damit etwas besser geschützt oder gestorben. Die eigentlichen Risikopatienten sind nun ungeimpfte Menschen, die nun aber grösstenteils nicht geschützt werden möchten, aber trotzdem geschützt werden, des Gesundheitssystems wegen und schlussendlich dann auch wieder für uns alle. Damit wir im Falle eines Notfalls davon ausgehen können, dass die Kapazität da ist, uns sorgfältig und professionell zu versorgen und wenn nötig, hoffentlich unser Leben zu retten. Das wird in jedem Fall versucht, denn das ist der Kodex, dem sich Ärztinnen und Gesundheitspersonal verpflichtet haben. Leben soll gerettet werden, solange die Patientin nichts anderes unterschrieben hat, egal wer da vor ihnen liegt.

Das ist eigentlich auch einer unserer moralischen Grundsätze, nach dem wir leben. Jedes Leben ist wertvoll und jedes Leben ist lebenswert und auch jedes Leben soll erhalten und gerettet werden.
Da geht es meiner Meinung nach nicht nur um Leben und Tod, sondern auch darum, wie ein Leben inhaltlich gefüllt wird und wie wir mit Menschen, die nicht der sogenannten Norm entsprechen umgehen. Da geht es um Rechte und Pflichten, um Wertschätzung, um Chancen und Möglichkeiten und um vieles mehr.
So setzen sich die einen für Integration und Inklusion ein, pflegen, heilen, verarzten und retten Leben. Eine Gruppe ist so stark wie ihr schwächstes Glied, jedes Leben ist wertvoll und es gibt ganz viele verschiedene Lebensformen, ganz viele verschiedene Menschen. Und sie alle sollen einen Platz – ihren Platz – in unserer Gesellschaft haben.

Und andere haben da eine andere Meinung, die ich seit der Pandemie schon noch recht oft höre. Ich weiss auch, dass wohl die meisten das nicht so wirklich auf die Realität runter brechen und es deswegen recht abstrakt und abgeklärt klingt. Mir kommt es fast ein wenig vor wie eine Gegenbewegung zur Inklusionsentwicklung, die angestrebt werden hätte sollen oder immer noch wird, ich weiss es nicht so genau.
Wenn man das in der Realität betrachtet, geht es darum, dass der Stärkere gewinnt. Und auch darum, dass wir andern uns nicht einschränken lassen sollen, um jemanden zu schützen, sondern einfach zu leben. Uns nicht bremsen lassen. Die sogenannt Schwächeren sollen sich selber schützen und zuhause bleiben oder was auch immer.

Das ist nun eigentlich genau das, worüber ich viel nachgedacht habe und ich bin mir sicher, wenn andere das auch tun würden, würde ihre Meinung mit dem was sie momentan vertreten, nicht ganz aufgehen. Ich glaube, verdrängen und es von sich selbst wegschieben, ist einfach einfacher als sich dem Thema richtig zu stellen.

Der Stärkere gewinnt, das ging mir nicht mehr aus dem Kopf und mir wurde klar, wo das ja auch sehr stark propagiert und gelebt wurde. Ich möchte darauf näher eingehen, weil das alles überhaupt nicht in mein Menschenbild, weder persönlich noch beruflich, passt:

Der Stärkere gewinnt
Der erinnert mich an den Darwinismus und der sagt, dass die natürliche Auslese die Evolution bestimmt. Es geht also darum, dass sozusagen das Weiterbestehen einer Rasse – zB von Pandas, von Löwen oder von uns Menschen – gesichert ist. Der Stärkere (der mit den besten Genen, der Gesündeste usw.) setzt sich durch und vermehrt sich.

Und dann gibt es noch den Sozialdarwinismus. Da wird der Rassenkampf zu einem Naturgesetz erklärt, basierend auf den Thesen von Charles Darwin. Diejenigen, die sich am besten an ihre Umwelt anpassen könnten, würden überleben und sich weiter und höher entwickeln, alle andern würden aussterben. Er nannte dieses Prinizip „natürliche Auslese“.
Die Sozialdarwinisten glaubten, dass auch Menschen in einem stetigen Kampf ums Dasein seien und nur die Stärksten könnten da mithalten. Daher sei es von der Natur so gewollt und vorher bestimmt, dass kranke, schwache und arme Menschen nicht (über)leben dürften, denn nur so könne sich die Menschheit zu etwas Höherem entwickeln.
Die erwähnten sogenannt schwächeren Menschen erfüllen also keinen Zweck in unserer Evolutionskette und haben damit auch keine Daseins-Berechtigung. Die ganze Energie wird fürs Weiterkommen verwendet und nicht dafür, die Schwächeren mitzutragen.

Auf die Theorie des Sozialdarwinismus baut eine noch krassere Theorie auf und zwar die der sogenannten Rassenhygiene. Sie entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Vertreter waren der Meinung, die natürliche Auslese würde durch die zunehmende Zivilisation behindert, dh kranke, schwache und arme Menschen würden sich ungehindert fortpflanzen und dadurch sei die Qualität der Menschheit gefährdet. Also fanden Rassenhygieniker es unumgänglich, in den natürlichen Selektionsprozess einzugreifen. Sie wollten die Fortpflanzung von Erbgesunden fördern und die von Erbkranken verhindern.1905 gründete der Mediziner Alfred Ploetz die Gesellschaft für Rassenhygiene und vier Jahre später wurde die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung von lebensunwerten Lebens“ veröffentlicht. Laut dieser wurde die Tötung bestimmter Neugeborener gerechtfertigt: „Die unheilbar Blödsinnigen (…) haben weder den Willen zu leben noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stösst diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müsste. Ihr Leben ist absolut zwecklos (…). Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sich eine furchtbar schwere Belastung. Ihr Tod hinterlässt nicht die geringste Lücke.“ (Quelle https://www.planet-wissen.de/geschichte/nationalsozialismus/nationalsozialistische_rassenlehre/pwievordenkerdernsrassenlehre100.html).
Die Akzeptanz der Rassenhygiene genoss in den darauffolgenden Jahren einen grossen Anstieg. In Deutschland, aber auch in ganz Europa und Amerika. 1923 entstand in München der erste Lehrstuhl für Rassenhygiene und darauf wurde es zum Pflichtfach für Medizinstudenten.

Die eben beschriebene Theorie wurde von der Rassenideologie des Nationalsozialismus übernommen, um die Überlegenheit der arischen Rasse zu sichern. „Rassenfremde“ hingegen sollten eliminiert werden.
So sahen die Nationalsozialisten zB die europäischen Juden und die Roma als Bedrohung und nichts wert an. Menschen mit Behinderung oder Krankheiten galten als biologische Bedrohung und auch als finanzielle Belastung für den Staat. Sie wurden also umgebracht, wenn immer möglich.
Aber nicht nur die, sondern natürlich auch politische Gegner, Homosexuelle, „Asoziale“ und die Zeugen Jehovas.
6 Millionen Juden wurden getötet.
250000 Sinti und Roma
250000 Behinderte
und weitere andere Menschen.

Sind da Parallelen zu jetzt oder nicht? Ansatzweise? Ich weiss es nicht, aber es scheint mir so, wenn ich zuviel darüber nachdenke.
Und falls es so ist, setzen sich nun ganz viele Menschen für Ideologien ein, die eigentlich nicht ihre sind und die ihnen nicht wirklich bewusst sind. Ideologien, die ihnen später einmal den Boden unter den Füssen wegziehen oder sie sogar das Leben kosten könnten. Denn wenn wir die Schwachen aufzählen, dann bitte nicht all die IV-Bezüger, Arbeitslosen, Sozialhilfebezüger, all diejenigen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen vergessen, die für Nationalsozialisten durchaus ein Klotz am Bein des Staates darstellen und als schwach gelten. Wenn nichts anders eintrifft, alt werden wir fast alle mal.
Und auch nicht vergessen, dass ziemlich alle dieser Zustände eigentlich jederzeit jeden von uns treffen könnte oder schon getroffen hat. Deswegen denke ich auch, dass es momentan ziemlich viele Menschen gibt, die gerade am Ast, auf dem sie sitzen, sägen. Oder einen, auf dem sie auch einmal sitzen könnten. Und eigentlich sägt man überhaupt keine Äste ab, auf denen jemand sitzt…

Mich persönlich betrifft das alles eigentlich weniger, denn ich bin auf keine der oben genannten Sozialhilfen angewiesen und bin meines Wissens gesund. Jetzt. Aber es betrifft eigentlich schon ein paar Menschen, die ich kenne und die mir etwas bedeuten, nicht zuletzt bei meiner Arbeit als Sozialpädagogin. Oh doch, mich würde es betreffen, weil ich als Sozialpädagogin nichts mehr zu tun hätte, weil all die Menschen die Betreuung oder Pflege brauchen, die gäbe es bei den Nationalsozialisten gar nicht… Ein schlimmer Gedanke.
Wie ich schon mal geschrieben habe vor einiger Zeit: Ich würde mich immer für die Schwächeren einsetzen: https://puremyself.blog/2020/05/19/ich-wuerde-mich-immer-fuer-die-schwaecheren-einsetzen/

Wenn ihr das nun liest…. überlegt euch doch mal, wer von euch würde von den Nationalsozialisten toleriert und wer würde getötet werden? Wer dürfte leben und wer nicht? Oder wer von denen, die ihr liebt? Und es wäre nicht nur das. Vermutlich würden sie von euch erwarten, andere Menschen zu verraten oder gar umzubringen und glaubt mir, das ist beides dasselbe.
Ist euch das zu krass?
Nationalsozialismus IST krass, da muss man auch nichts schön reden.

Schlusswort gibt es keines.
Macht euch eure eigenen Gedanken.

(Anmerkung: es geht mir nicht darum, Nazi-Vergleiche zu machen oder „Querdenker“ als Nazis zu bezeichnen. Es geht mir eher um unser Menschenbild und darum, eventuelle gefährliche Tendenzen zu hinterfragen bzw dazu anzuregen.)

tot

Offenbar sterben in den letzten Wochen in der Schweiz viel mehr Menschen als durchschnittlich in andern Jahren. Man nennt es Übersterblichkeit. Corona macht den Unterschied. Die zweite Welle ist heftiger als die erste und fordert viele Todesopfer. Es sterben vor allem über 65Jährige oder noch ältere.
Weitere werden folgen und wir werden es zulassen. Wir werden nicht darüber sprechen und wenn, dann werden wir sagen „sie waren alt, sie wären auch ohne Corona jetzt oder bald gestorben“ und „sie sind nicht an Corona, sondern mit Corona gestorben“.

Meine Eltern waren 51 und 67, als sie gestorben sind. Lungen- und Speiseröhrenkrebs. Sie wären auch ohne Krebs in den nächsten Jahrzehnten gestorben, klar. Bis dahin hätten sie aber noch einiges erlebt. Wir hätten es zusammen erlebt. Ich hätte die Gelegenheit gehabt, noch einen Teil meines Lebens mit ihnen zu teilen.
Meine Mutter hat nicht mehr erlebt, wie ich das Studium zur Sozialpädagogin erfolgreich abgeschlossen habe. Sie konnte mir nicht beistehen bei diversen Liebeskummer-Krisen, bei einigen Job-Wechseln und neuen Lieben. Sie hat den Mann, den ich geheiratet habe, nie kennen gelernt und er sie nicht. An der Hochzeitsfeier war ich ganz besonders traurig, dass sie nicht dabei ist.
Mein Vater war bei der standesamtlichen Hochzeit mit dabei, aber nur kurz, da er im Krankenhaus war wegen seinem Krebs. Die grosse Feier machten wir ein Jahr später, in der Hoffnung, dass er bis dahin wieder gesund ist und auch dabei sein kann. Aber das war er nicht. Ein Jahr später war er bereits seit 8 Monaten tot. Die Hochzeitsfeier fand ohne meine Eltern statt.
Drei Jahre später habe ich eine kleine Tochter geboren. Ihre Grosseltern haben sie nie gesehen und meine Tochter sie nicht.
Mir fehlt das sehr.
Sie haben nicht mehr erlebt, wie mein Mann und ich uns getrennt haben. Sie konnten mich nicht unterstützen, nicht da sein. Ganz ehrlich, ich hätte sie gebraucht. Tu ich noch heute oft.

So ergeht es momentan vielen Menschen, die nun sterben. Und ihren Familien.

Wenn jemand an Krebs stirbt, kann man das nicht verhindern.
Niemand ist an der Erkrankung schuld, denn Krebs ist nicht ansteckend, Krebs ist auf keine Weise übertragbar. Die Medizin hat gewisse Möglichkeiten, Krebs zu behandeln. Sehr oft erfolgreich, aber leider nicht immer.
Aber alle tun ihr bestes und jedes Leben zählt. Wenn jemand Krebs hat, kann man davon ausgehen, dass alles versucht wird, um dieses Leben zu retten und wenn dies nicht mehr möglich ist, so gut es geht, Schmerzen und Leiden zu mindern.
Meine Eltern sind an Krebs gestorben. Nicht mit Krebs.

Nun gibt es Menschen, die mit gewissen Diagnosen leben. Zum Beispiel mit Diabetes, Asthma oder mit Lungenkrankheiten. Für all das gibt es wirksame Medikamente und wenn man richtig behandelt wird, führen diese Krankheiten nicht früher als „normal“ zum Tod.
Diese Menschen gehören nun unter anderen zur Risikogruppe der Covid-Erkrankung. Wenn sie sich anstecken ist die Möglichkeit grösser, dass sie einen schweren Verlauf erleben könnten.
Falls es zum Tod kommt, sterben diese Menschen an Covid. Nicht mit Covid, denn ihre Diabetes oder ihr Asthma hätten sie nicht umgebracht.

Wenn jemand einen Verkehrsunfall hat und auf dem Unfallplatz oder später im Krankenhaus stirbt, stirbt er an den Folgen dieses Unfalles und nicht mit ihnen. Es käme niemandem in den Sinn zu sagen, „er wäre ja sowieso irgendwann gestorben“ oder „an der jährlichen Grippe sterben mehr Menschen als im Strassenverkehr“. Oder „sie starb an Diabetes und mit Hirnverletzungen nach einem Autounfall“. Das käme niemandem in den Sinn und wenn, dann würden wir es möglicherweise etwas taktlos finden oder zumindest schräg.

Wenn jemand aufgrund eines Verkehrs- oder anderen Unfalls stirbt, hätte das natürlich fast immer verhindert werden können. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass ein Unfall keine Absicht ist und dass solche Dinge einfach passieren.
Im Strassenverkehr zum Beispiel, versuchen wir, Unfälle zu verhindern. Wir nehmen Rücksicht, indem wir uns zB an eine Geschwindigkeits-Limite halten oder keinen Alkohol trinken, wenn wir fahren. Wir halten uns an viele klare Regeln im Strassenverkehr. Wir tragen eine Gurte, wir schalten das Licht ein, um zu sehen, aber auch um gesehen zu werden. Wir schützen mit diesen Massnahmen uns, aber auch die andern Menschen auf der Strasse. Der Erfolg von diesen Schutz- und Vorsichtsmassnahmen ist unumstritten, wenn auch nicht 100%ig.
Diese Massnahmen schränken uns ein bisschen ein, das muss man schon zugeben. Ich würde sehr oft sehr gerne sehr viel schneller fahren. Die Gurte drückt mir immer so unangenehm auf den Busen und es passt mir gar nicht, wenn ich spät dran bin, am Rotlicht anhalten zu müssen. Und immer diese Fahrradfahrer überall… Es wäre viel einfacher für mich als Autofahrerin, wenn ich auf die und auf die Fussgänger nicht auch noch ein Auge werfen müsste.
Manche Massnahmen sind temporär. ZB bei einer Baustelle muss man langsamer fahren oder es kann am Rotlicht zu Wartezeiten und Stau kommen und wir ärgern uns fürchterlich darüber, denn wir wollen ja pünktlich bei der Arbeit oder sonst wo sein.
Und wenn die Baustelle dann weg ist, ist auch die Ampel wieder weg und der Verkehr normalisiert sich.

Wenn es nun um Corona geht, führen diese Massnahmen viel weiter. Sie betreffen nicht nur eine gewisse Menschengruppe, sondern uns alle. Und nicht nur einen Teil unseres Lebens, also zB den Arbeitsweg, sondern verschiedene Bereiche. Wir werden in unserer Freiheit eingeschränkt, was niemand besonders geil findet. Und die Situation dauert an. Und an. Wie lange noch?
Viele können einigermassen damit umgehen und verstehen die Gründe dafür. Andere können das weniger gut oder gar nicht, auch dafür gibt es Gründe.

Ich frage mich oft, wie das für Menschen ist, die sehr direkt mit Covid betroffen sind… Patienten oder auch zB Pflegepersonal.
Wie ist es für Menschen, an Corona zu sterben und zu wissen, dass das für die andern ziemlich okay ist so? Zu wissen, dass viele von uns nicht bereit sind, sich temporär einzuschränken, um eine Ansteckung und Verbreitung zu verhindern oder zu verringern? Zu wissen, dass sie früher sterben als es vielleicht nötig gewesen wäre, weil andere sich weigern, sich für eine Weile der momentan speziellen Situation anzupassen?
Und wie ist es wohl für Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern, die mit Covid-Patienten arbeiten? Wie ist es für sie, lange Schichten zu arbeiten, um zu sehen wie „draussen“ die Menschen sich munter weiter anstecken? Wie ist es für sie, zu sehen, dass es uns sehr wichtig ist, unsere Freizeitaktivitäten durchzuführen und so halt auch zB beim Ski fahren Unfälle zu riskieren, obwohl das Gesundheitspersonal bereits sehr ausgelastet ist? Und wie ist es für sie, wenn sie hören, wie Leute über Corona, die Schutzmassnahmen und die Intensiv-Patienten und die Toten lachen?

Ich will da nicht soviel persönlich dazu sagen. Meine Haltung ist, um mich kurz zu fassen, dass ich es total okay finde, wenn alte Menschen sterben, wenn ihr Leben vorbei ist. Ich glaube auch, dass man bei einem 99Jährigen keine lebensverlängernde Massnahmen mehr machen sollte, denn irgendwann ist unsere Lebensdauer einfach vorbei und wir wissen dass. Das ist der Lauf des Lebens und trotzdem ist es traurig für die Menschen, die jemanden verlieren.
Ich denke aber auch, dass die „Schwächsten“ geschützt und BEschützt werden sollen, das ist Ehrensache irgendwie. Auch gerade über 65Jährige haben nach einem arbeitsreichen Leben, nachdem sie UNS aufgezogen, erzogen und ausbildet haben, verdient, noch ein paar Jahre oder sogar Jahrzehnte leben zu dürfen. Die Generationen über uns haben uns in der Vergangenheit begleitet und geschützt und nun ist es unsere Aufgabe, dasselbe für sie zu tun und ich finde, wir versagen da gerade kläglich.

Von Um- und Zusammenbrüchen.

2007 war irgendwie ein wichtiges Jahr für mich bzw jedenfalls eines, das viele Veränderungen mit sich gebracht hat.

Im Jahr 2007 habe ich geheiratet und zwar im Juli. Weil mein Vater kurz zuvor die Krebs-Diagnose bekam und es ihm nicht gut ging, haben wir lange überlegt, ob wir alles abblasen sollen oder nicht. Wir haben uns mit ihm zusammen entschieden, im kleinen Rahmen zivilisch zu heiraten in diesem Jahr und ein Jahr später, wenn er wieder gesund ist, noch ein grosses Fest zu machen. Dieses Fest fand dann genau auf den Tag ein Jahr später statt, leider war aber mein Vater dann nicht gesund, sondern bereits seit 8 Monaten tot.
Aber zurück zum selben Tag im 2007. Das war ein schöner Tag mit den uns nahestehendsten Menschen. Mein Vater wurde von einer Freundin der Familie im Krankenhaus abgeholt und danach wieder zurück gebracht. Er hat an der Hochzeit meine Schwiegereltern, die extra aus England angereist waren, zum ersten und letzten Mal gesehen, was für mich ein sehr berührendes Erlebnis war. Verständigen konnten sie sich nicht, denn die Schwiegereltern konnten nicht deutsch und mein Vater nicht englisch. Und doch haben sie sich verstanden. Die Schwiegermutter hat sich ihm untergehakt und ist ihm während der ganzen Zeremonie nicht von der Seite gewichen. Noch jetzt, wenn ich davon schreibe, treibt es mir vor Rührung die Tränen in die Augen, das war richtig schön.

Zwei Monate nach der Hochzeit zogen wir um. Eine grössere Wohnung, denn wer weiss, vielleicht würden wir ja nicht zu zweit bleiben…. Ein neues Zuhause.

Zu dieser Zeit habe ich in einer wunderschönen alten Villa am Vierwaldstättersee Menschen mit einer psychischen Erkrankung betreut. Mir hat diese Arbeit gut gefallen. Den Umgang mit diesen Menschen fand ich sehr spannend und zuweilen auch recht herausfordernd und lehrreich, was einen Job ja auch interessant macht. Leider passte ich total nicht in dieses Team, ich weiss noch Jahre später nicht, warum das so war. Ich verstand mich mit den einzelnen Teammitgliedern wirklich gut, wenn aber das ganze Team da war, gehörte ich nicht dazu. Ich glaube, meine damalige Chefin konnte mich nicht ausstehen. Ich war eine Sozialpädagogin mit viel Erfahrung und ich machte meinen Job gut und dennoch war es mir nicht möglich, ihr etwas recht zu machen. Sie kontrollierte mich, überwachte mich und egal, was ich machte, es war falsch. Ich glaube, das hat mich auch unsicher gemacht und mir zu dieser Zeit ziemlich das Selbstbewusstsein genommen.
Am Schluss fand sie es dann untragbar, mit mir auch nur eine Sekunde weiter zu arbeiten und wollte, dass ich gehe. Es gab keine Gründe, nur Antipathie ihrerseits. Im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Frau mich wohl gemobbt hat und ich keine Chance hatte, denn sie war ja meine Abteilungsleiterin.
Ihre Vorgesetzte kannte mich aber von einer vorherigen Anstellung, wo sie bereits meine Chefin war. Sie wusste natürlich, dass da etwas nicht stimmen konnte, denn sie kannte mich ja gut und sie setzte sich sehr für mich ein. Sie wollte, dass ich bleibe, darauf habe ich aber dann verzichtet, denn unter solchen Bedingungen zu arbeiten, konnte ich mir nicht mehr vorstellen.

Ich erlebte es übrigens so, dass das Team immer hinter ihr stand und sich keiner zB für mich eingesetzt hätte oder in ihrer Anwesenheit freundlich zu mir gewesen wäre. Als ich geheiratet habe, waren sie alle zB zum Aperitif eingeladen und keiner kam. Ich glaube, das durften sie nicht, denn sie mussten ja loyal sein. Die oberste (oben genannte) Chefin kam aber. Und an meinem letzten Arbeitstag wurde ich von jedem kühl mit Handschlag verabschiedet, denn die Frau Diktatorin war ja anwesend. Nur eine Kollegin war irgendwo ihm Haus am Blumen giessen und ich ging sie zum Tschüss sagen suchen und sie war die einzige, die mich umarmt hat und mir alles Gute gewünscht hat. Das ist 13 Jahre her und ich war ihr so dankbar dafür, ich hab’s nicht vergessen. Weinend vor Erleichterung und auch vor Traurigkeit über diesen miserablen Abschied, sass ich danach in meinem Auto und fuhr weg, zurück geschaut habe ich nicht.
Der Abschied mit den Bewohnerinnen und Bewohner dieses Hauses war hingegen wahnsinnig herzlich. Ich weiss, dass sie mich sehr gern hatten und ich sie wirklich auch. Leider habe ich es nicht über mich gebracht, dort wieder mal hinzufahren, um sie zu besuchen. Ich erinnere mich an einige von ihnen sehr gut und denke zwischendurch an sie. Ich weiss, dass leider ein paar von ihnen nicht mehr leben.

Dann machte ich einen Schritt in die richtige Richtung. Aber sowas weiss man ja immer erst im Nachhinein. Wenn man einen neuen Weg einschlägt, ist das immer irgendwie ein Gang ins Ungewisse.
Ich hatte meinen letzten Arbeitstag Ende Oktober 2007 und fing meinen neuen Job am 2. November an. Ich hatte eigentlich einen ganz furchtbaren Start dort, denn elf Tage nachdem ich anfing, verstarb mein Vater unerwartet plötzlich. Er hatte seit Juni Speiseröhrenkrebs und es ging ihm wirklich schlecht. Er starb eigentlich genau dann, als wir es wirklich nicht erwartet haben. Er hatte ein paar Wochen Chemo- und Bestrahlungspause und fühlte sich gerade ein bisschen besser. Am Morgen des 13. November bin ich aufgewacht und hatte mein ungutes Vorahnungsgefühl. Das hatte ich damals schon, am Morgen als meine Mutter gestorben ist. Ich habe angerufen und mein Bruder ging ans Telefon und sagte, Paps schlafe noch, was ich wiederum sehr komisch fand, denn meistens hatte er so starke Schmerzen, dass er frühmorgens seine Medikamente benötigte. Mein ungutes Gefühl nahm ein unerträgliches Ausmass an und ich fuhr hin, um meinen Vater tot im Bett vorzufinden.
Ich glaube, ich war in einem fürchterlichen Zustand. Ich schwankte zwischen Zusammenbruch und Funktionieren, denn das musste ich ja. Ich war neben meinem Bruder jetzt die einzige, die von der Familie noch übrig war und er konnte ja nicht helfen bei all den organisatorischen Dingen, die zu erledigen waren und Trost spenden und Halt geben irgendwie auch nicht. Das habe ich alles gemacht.
Neben der Trauer und all den zu erledigenden Dingen, die ein Todesfall nach sich zieht, war ich nun also verantwortlich für meinen Bruder und das überforderte mich masslos. Unser Verhältnis war durchzogen, die letzten Jahre waren schwierig. Für ihn. Und für mich. Mir gegenüber war er oft sehr aggressiv, irgendwo mussten all die Aggressionen nach dem Unfall und der Frust über die Situation ja raus. Bei meiner Mutter ging das nicht und bei meinem Vater auch nicht, da blieb nur ich. Ich bin damals ja auch ziemlich plötzlich zuhause ausgezogen, als er mit einem Stuhl auf mich los ging.

Nun war vieles zu klären. Wo wird mein Bruder wohnen und wie? Braucht er Betreuung und wenn ja, in welcher Art usw usw…. Mein Bruder war zu dieser Zeit wirklich noch unselbständig, hat doch mein Vater alles für ihn gemacht. Er zog dann in seine eigene Wohnung, mit punktueller Betreuung und jemandem, der für ihm die Wäsche macht und putzt. Am Anfang habe ich für ihn eingekauft usw. Es war anstrengend. Viele Male hat er zB spät abends oder an Wochenenden angerufen, er habe keine Zigaretten mehr und ich musste ihm welche kaufen gehen und bringen. Und zwar sofort. Und gerade das hat mich zu Tode gestresst. Rauchen! Nachdem unsere Mutter und nun auch noch unser Vater an den Folgen davon gestorben sind… Ich habe ihn zu jedem Termin begleitet, mit ihm Anziehsachen gekauft usw., bis er das alles dann selbst lernte und viel selbständiger wurde. In dieser Zeit war ich für ihn eigentlich nur immer das Arschloch, um es geradeheraus zu sagen. Weil er nicht so selbständig und frei leben konnte, wie er es sich gewünscht hat und weil er nicht eingesehen hat, warum.
Dazu wie gesagt die ganzen organisatorischen Dinge, die Beerdigung und nach ziemlich kurzer Zeit dann natürlich auch die Wohnungsräumung und -auflösung. Das war für mich sehr schmerzhaft, denn das bedeutete dass ich kein „Elternhaus“ mehr habe und auch keine Eltern mehr. Kein „Zuhause“ mehr, wo die Wurzeln sind.

Und mein neuer Job…. So haben die mich also kennen gelernt. In einem jämmerlichen Zustand. Und sie hatten Verständnis. Ich habe frei bekommen, so lange wie ich benötigt habe. Wenn ich mich richtig erinnere, waren das zwei Wochen. Danach ging ich wieder arbeiten und tat hat mir soooo gut getan. Daran erinnere ich mich tatsächlich noch sehr gut. Immer wenn ich dort war, ging es mir gut. Die Arbeit mit den Jugendlichen gefiel mir total und lenkte mich ab, ich ging voll auf in diesem Job. Ich liebte ihn. Und das war ein sooooo tolles Team dort. Ich muss wirklich sagen, ich liebte dieses Team. Dazu kam, dass ich eine Chefin hatte, die mich und mein Potential einfach erkannt hat und mir damit mein Selbstwertgefühl, das die vorherige kaputt gemacht hat, wieder zurück gegeben hat.
Es ging eine ganze Weile so, dass ich mich bei der Arbeit wirklich gut gefühlt habe und irgendwie erholen konnte, während ich privat sehr traurig war und viel weinte.
Unterdessen arbeite ich nicht mehr dort, aber ich denke noch dankbar und gern an diesen Arbeitsort zurück und auch an die Menschen dort. Ich glaube nicht dass sie wissen, wie viel sie mir gegeben haben.

Das zweite Elternteil zu verlieren empfand ich fast noch einschneidender als damals, als meine Mutter gestorben ist. Ich hatte in den letzten Monaten eine engere Beziehung zu meinem Vater aufgebaut. Ich half ihm viel und war auch viel bei ihm. Er war gefühlsbetonter und zugänglicher als ich ihn vorher kannte, das war eine wertvolle Zeit. Ich war traurig für ihn und bin es noch, weil er so früh sterben musste und doch muss ich auch sagen, ich gönne es ihm von Herzen, erlöst worden zu sein. Bald wäre es weiter gegangen mit Chemo und Bestrahlung und das hätte ihn wieder wahnsinnig mitgenommen. Er konnte schon lange nichts Festes mehr zu sich nehmen, ernährte sich von diesen flüssigen Ernährungsdrinks, war sehr dünn und sehr geschwächt. Und er hatte sehr, sehr starke Schmerzen. Null Lebensqualität. Und wer weiss, was mit der nächsten Chemo und der nächsten Bestrahlung passiert wäre. Ich bin froh, dass es ihm erspart geblieben ist…
Ihm wurde vieles erspart, glaube ich.
Auch das Scheitern meiner Ehe. Leider hatte er aber auch nie die Gelegenheit, meine Tochter kennen zu lernen und das tut mir sooo Leid, auch für sie, denn sie hätten sich so sehr geliebt, da bin ich mir ganz sicher.

Das war also mein Jahr 2007. Ich würde nicht sagen, dass es ein schlechtes Jahr war, aber ein sehr einschneidendes. Eines, das mich wohl sehr reifen liess und eines meiner intensivsten.

Und was hast du 2007 so gemacht?