Der Stärkere überlebt. Und die andern?

Heute ist der Tag vor Allerheiligen oder Halloween, wie man ihn auch nennt. Ein guter Tag, um über Leben und Tod nachzudenken, finde ich.

Über das Leben nachzudenken ist ja viel schöner, als über den Tod und doch kommen wir manchmal nicht drum herum. Aber nur, wenn man es zulässt. Denn obwohl auch der Tod ein Teil des Lebens ist, wird er gerne verdrängt und verschwiegen. Auch heute, wo er aber doch recht präsent ist seit einer Weile.

Ich höre immer mal wieder, dass wir mit unseren Massnahmen und Einschränkungen in einer Diktatur leben würden, Vergleiche mit dem Nazi-Deutschland werden gemacht und Sophie Scholl und Anne Frank zitiert.
Ich habe in den letzten Wochen sehr viel über all das gelesen, vor allem über die Weisse Rose und über die Geschwister Scholl, da ich an einem dieses Mal recht aufwändigen Text darüber arbeite. Das ist ein interessantes Thema, durchaus. Und ich fnde, dass Vergleiche mit den Ideologien der Nationalsozialisten durchaus gemacht werden könnten. Aber ich würde da die Frage in den Raum stellen, ob alle die das tun sich bewusst sind, auf welcher Seite sie da genau stehen.

Ein Zwiespalt oder sagen wir eine Uneinigkeit, die momentan ja besteht, betrifft all diese Todesfälle an oder mit Corona. Während dem wir vor allem anfangs darum bemüht waren, die Menschen der bekannt gewordenen Risikogruppen zu schützen, indem wir gewisse Schutzmassnahmen befolgt haben, sind diese nun entweder geimpft und damit etwas besser geschützt oder gestorben. Die eigentlichen Risikopatienten sind nun ungeimpfte Menschen, die nun aber grösstenteils nicht geschützt werden möchten, aber trotzdem geschützt werden, des Gesundheitssystems wegen und schlussendlich dann auch wieder für uns alle. Damit wir im Falle eines Notfalls davon ausgehen können, dass die Kapazität da ist, uns sorgfältig und professionell zu versorgen und wenn nötig, hoffentlich unser Leben zu retten. Das wird in jedem Fall versucht, denn das ist der Kodex, dem sich Ärztinnen und Gesundheitspersonal verpflichtet haben. Leben soll gerettet werden, solange die Patientin nichts anderes unterschrieben hat, egal wer da vor ihnen liegt.

Das ist eigentlich auch einer unserer moralischen Grundsätze, nach dem wir leben. Jedes Leben ist wertvoll und jedes Leben ist lebenswert und auch jedes Leben soll erhalten und gerettet werden.
Da geht es meiner Meinung nach nicht nur um Leben und Tod, sondern auch darum, wie ein Leben inhaltlich gefüllt wird und wie wir mit Menschen, die nicht der sogenannten Norm entsprechen umgehen. Da geht es um Rechte und Pflichten, um Wertschätzung, um Chancen und Möglichkeiten und um vieles mehr.
So setzen sich die einen für Integration und Inklusion ein, pflegen, heilen, verarzten und retten Leben. Eine Gruppe ist so stark wie ihr schwächstes Glied, jedes Leben ist wertvoll und es gibt ganz viele verschiedene Lebensformen, ganz viele verschiedene Menschen. Und sie alle sollen einen Platz – ihren Platz – in unserer Gesellschaft haben.

Und andere haben da eine andere Meinung, die ich seit der Pandemie schon noch recht oft höre. Ich weiss auch, dass wohl die meisten das nicht so wirklich auf die Realität runter brechen und es deswegen recht abstrakt und abgeklärt klingt. Mir kommt es fast ein wenig vor wie eine Gegenbewegung zur Inklusionsentwicklung, die angestrebt werden hätte sollen oder immer noch wird, ich weiss es nicht so genau.
Wenn man das in der Realität betrachtet, geht es darum, dass der Stärkere gewinnt. Und auch darum, dass wir andern uns nicht einschränken lassen sollen, um jemanden zu schützen, sondern einfach zu leben. Uns nicht bremsen lassen. Die sogenannt Schwächeren sollen sich selber schützen und zuhause bleiben oder was auch immer.

Das ist nun eigentlich genau das, worüber ich viel nachgedacht habe und ich bin mir sicher, wenn andere das auch tun würden, würde ihre Meinung mit dem was sie momentan vertreten, nicht ganz aufgehen. Ich glaube, verdrängen und es von sich selbst wegschieben, ist einfach einfacher als sich dem Thema richtig zu stellen.

Der Stärkere gewinnt, das ging mir nicht mehr aus dem Kopf und mir wurde klar, wo das ja auch sehr stark propagiert und gelebt wurde. Ich möchte darauf näher eingehen, weil das alles überhaupt nicht in mein Menschenbild, weder persönlich noch beruflich, passt:

Der Stärkere gewinnt
Der erinnert mich an den Darwinismus und der sagt, dass die natürliche Auslese die Evolution bestimmt. Es geht also darum, dass sozusagen das Weiterbestehen einer Rasse – zB von Pandas, von Löwen oder von uns Menschen – gesichert ist. Der Stärkere (der mit den besten Genen, der Gesündeste usw.) setzt sich durch und vermehrt sich.

Und dann gibt es noch den Sozialdarwinismus. Da wird der Rassenkampf zu einem Naturgesetz erklärt, basierend auf den Thesen von Charles Darwin. Diejenigen, die sich am besten an ihre Umwelt anpassen könnten, würden überleben und sich weiter und höher entwickeln, alle andern würden aussterben. Er nannte dieses Prinizip „natürliche Auslese“.
Die Sozialdarwinisten glaubten, dass auch Menschen in einem stetigen Kampf ums Dasein seien und nur die Stärksten könnten da mithalten. Daher sei es von der Natur so gewollt und vorher bestimmt, dass kranke, schwache und arme Menschen nicht (über)leben dürften, denn nur so könne sich die Menschheit zu etwas Höherem entwickeln.
Die erwähnten sogenannt schwächeren Menschen erfüllen also keinen Zweck in unserer Evolutionskette und haben damit auch keine Daseins-Berechtigung. Die ganze Energie wird fürs Weiterkommen verwendet und nicht dafür, die Schwächeren mitzutragen.

Auf die Theorie des Sozialdarwinismus baut eine noch krassere Theorie auf und zwar die der sogenannten Rassenhygiene. Sie entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Vertreter waren der Meinung, die natürliche Auslese würde durch die zunehmende Zivilisation behindert, dh kranke, schwache und arme Menschen würden sich ungehindert fortpflanzen und dadurch sei die Qualität der Menschheit gefährdet. Also fanden Rassenhygieniker es unumgänglich, in den natürlichen Selektionsprozess einzugreifen. Sie wollten die Fortpflanzung von Erbgesunden fördern und die von Erbkranken verhindern.1905 gründete der Mediziner Alfred Ploetz die Gesellschaft für Rassenhygiene und vier Jahre später wurde die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung von lebensunwerten Lebens“ veröffentlicht. Laut dieser wurde die Tötung bestimmter Neugeborener gerechtfertigt: „Die unheilbar Blödsinnigen (…) haben weder den Willen zu leben noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stösst diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müsste. Ihr Leben ist absolut zwecklos (…). Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sich eine furchtbar schwere Belastung. Ihr Tod hinterlässt nicht die geringste Lücke.“ (Quelle https://www.planet-wissen.de/geschichte/nationalsozialismus/nationalsozialistische_rassenlehre/pwievordenkerdernsrassenlehre100.html).
Die Akzeptanz der Rassenhygiene genoss in den darauffolgenden Jahren einen grossen Anstieg. In Deutschland, aber auch in ganz Europa und Amerika. 1923 entstand in München der erste Lehrstuhl für Rassenhygiene und darauf wurde es zum Pflichtfach für Medizinstudenten.

Die eben beschriebene Theorie wurde von der Rassenideologie des Nationalsozialismus übernommen, um die Überlegenheit der arischen Rasse zu sichern. „Rassenfremde“ hingegen sollten eliminiert werden.
So sahen die Nationalsozialisten zB die europäischen Juden und die Roma als Bedrohung und nichts wert an. Menschen mit Behinderung oder Krankheiten galten als biologische Bedrohung und auch als finanzielle Belastung für den Staat. Sie wurden also umgebracht, wenn immer möglich.
Aber nicht nur die, sondern natürlich auch politische Gegner, Homosexuelle, „Asoziale“ und die Zeugen Jehovas.
6 Millionen Juden wurden getötet.
250000 Sinti und Roma
250000 Behinderte
und weitere andere Menschen.

Sind da Parallelen zu jetzt oder nicht? Ansatzweise? Ich weiss es nicht, aber es scheint mir so, wenn ich zuviel darüber nachdenke.
Und falls es so ist, setzen sich nun ganz viele Menschen für Ideologien ein, die eigentlich nicht ihre sind und die ihnen nicht wirklich bewusst sind. Ideologien, die ihnen später einmal den Boden unter den Füssen wegziehen oder sie sogar das Leben kosten könnten. Denn wenn wir die Schwachen aufzählen, dann bitte nicht all die IV-Bezüger, Arbeitslosen, Sozialhilfebezüger, all diejenigen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen vergessen, die für Nationalsozialisten durchaus ein Klotz am Bein des Staates darstellen und als schwach gelten. Wenn nichts anders eintrifft, alt werden wir fast alle mal.
Und auch nicht vergessen, dass ziemlich alle dieser Zustände eigentlich jederzeit jeden von uns treffen könnte oder schon getroffen hat. Deswegen denke ich auch, dass es momentan ziemlich viele Menschen gibt, die gerade am Ast, auf dem sie sitzen, sägen. Oder einen, auf dem sie auch einmal sitzen könnten. Und eigentlich sägt man überhaupt keine Äste ab, auf denen jemand sitzt…

Mich persönlich betrifft das alles eigentlich weniger, denn ich bin auf keine der oben genannten Sozialhilfen angewiesen und bin meines Wissens gesund. Jetzt. Aber es betrifft eigentlich schon ein paar Menschen, die ich kenne und die mir etwas bedeuten, nicht zuletzt bei meiner Arbeit als Sozialpädagogin. Oh doch, mich würde es betreffen, weil ich als Sozialpädagogin nichts mehr zu tun hätte, weil all die Menschen die Betreuung oder Pflege brauchen, die gäbe es bei den Nationalsozialisten gar nicht… Ein schlimmer Gedanke.
Wie ich schon mal geschrieben habe vor einiger Zeit: Ich würde mich immer für die Schwächeren einsetzen: https://puremyself.blog/2020/05/19/ich-wuerde-mich-immer-fuer-die-schwaecheren-einsetzen/

Wenn ihr das nun liest…. überlegt euch doch mal, wer von euch würde von den Nationalsozialisten toleriert und wer würde getötet werden? Wer dürfte leben und wer nicht? Oder wer von denen, die ihr liebt? Und es wäre nicht nur das. Vermutlich würden sie von euch erwarten, andere Menschen zu verraten oder gar umzubringen und glaubt mir, das ist beides dasselbe.
Ist euch das zu krass?
Nationalsozialismus IST krass, da muss man auch nichts schön reden.

Schlusswort gibt es keines.
Macht euch eure eigenen Gedanken.

(Anmerkung: es geht mir nicht darum, Nazi-Vergleiche zu machen oder „Querdenker“ als Nazis zu bezeichnen. Es geht mir eher um unser Menschenbild und darum, eventuelle gefährliche Tendenzen zu hinterfragen bzw dazu anzuregen.)