Ich könnte übers Impfen schreiben, wenn ich wollte…

Ich könnte jetzt übers Impfen schreiben und darüber, wie Meinungen sich radikalisieren, aber es ist mir zu blöde. Ich glaube, dass sehr viele Menschen Meinungen zu diesem momentan aktuellen Thema haben, die relativ wenig von dieser Materie verstehen. Oder grad gar nichts, wenn man ehrlich ist. Schlussendlich bedeuten weder „meinen“ noch „glauben“ WISSEN. Ich nehme mich da nicht raus, ich weiss auch nichts darüber, denn ich habe weder Mikrobiologie noch Virologie studiert.

Ich weiss ganz schön viel in meinem Fachgebiet. Da bin ICH eine Expertin und da muss mir keiner dreinreden, egal ob er Virologe, Bundesrat oder selbsternannter Sozialpädagogik-Experte ist. Diskutieren kann man immer, klar, aber das ist dann auf einer sehr unausgeglichenen Ebene. Das geht dann eigentlich besser mit Menschen, die von diesem Themengebiet auch etwas verstehen. Dennoch können solche Diskussionen recht interessant sein und man kann davon profitieren. So geht es mir ja auch in Diskussionen über andere Themen. Etwas, das informativ ist, ist auch interessant. Etwas, das zum Denken anregt, ist inspirierend und wird dazu beitragen, unseren Horizont zu erweitern.

Mein Themengebiet ist jetzt ja nicht soooo komplex wie zB das eines Virologen. Wenn ich jemandem etwas erkläre, dann verstehen die das vermutlich einigermassen. Vielleicht haben sie eine andere Ansicht und das ist okay, denn es gibt verschiedene Wege, etwas anzugehen oder zu handeln. Wenn ich aber einen bestimmten Weg einschlage, hat dies auch einen Grund, denn ich verfüge nicht nur über Erfahrung, sondern auch über das notwendige Wissen auf diesem Gebiet. Ich kann meine Schritte ganz genau begründen.
Oberflächlich gesehen wissen viele ein bisschen Bescheid, schliesslich geht es ganz oft um zwischenmenschliche Dinge und um menschliches Verhalten. Tiefer greifend gesehen, weiss ich aber sehr viel mehr über Pädagogik, Sozialpädagogik, Psychologie und Psychopathologie, was andere nicht wissen. Wäre ja auch doof, wenn ich da keinen grösseren Wissenstand hätte, habe ich das alles doch jahrelang studiert und noch viel länger auf diesem Job gearbeitet.
So muss ich sagen, finde ich es auch nur so semi geil, wenn irgendwelche Menschen meinen, sie wüssten ganz genau Bescheid. Ich gehe davon aus, es geht euch da ganz ähnlich. Jeder ist in seinem Job ja die Expertin oder der Experte und weiss da einfach ganz genau, wovon er spricht. Sollte zumindest.
Ich finde eigentlich auch gar nicht, dass alle alles wissen müssen oder sollen. Und ich finde es viel ehrlicher, zu sagen, dass man nichts davon weiss oder nicht so viel und auch nicht den Anspruch an sich hat, dies zu müssen.

All die Menschen, die versuchen, uns durch diese Pandemie zu führen, haben dieses Fachwissen ja und auch die Erfahrung. Es wird wohl einen Grund geben, warum sie genau in diesen Jobs sind. Ihr Fachgebiet ist um einiges komplizierter und komplexer als meines. Diese Menschen versuchen nun seit 1,5 Jahren, uns recht komplizierte Dinge in einer möglichst einfachen Sprache zu erklären und es gibt Menschen, die ihnen das nicht glauben, aus welchen Gründen auch immer.

Für mich erscheint vieles recht logisch und ich mache mir meine Gedanken dazu. Ob ich mit allen Massnahmen einverstanden bin und ob sie für mich Sinn machen, kann ich nicht so richtig beurteilen, ich sehe das ja nur aus meiner Sicht und nicht ganzheitlich und objektiv, wie das sein sollte. Ich glaube, schlussendlich gehen wir alle am Ende von unseren eigenen Bedürfnissen aus. Die Massnahmen finden wir genau dort Scheisse, wo sie uns einschränken. Dort, wo es uns egal ist und wo sie andere einschränken, ist es für uns einfacher, sie zu akzeptieren. Das muss man aber unterscheiden. Ob einem etwas gefällt oder nicht oder ob etwas Sinn macht und zum Erfolg führt, das sind zwei total verschiedene Schuhe.

Wenn ich keine Fachperson auf einem Gebiet bin, dann vertraue ich denen, die das sind. Normal. Alle tun das. EIGENTLICH.
Sich an Fachpersonal zu halten, hat sich – zumindest für mich – schon immer bewährt. Wenn ein Gerät in der Wohnung defekt ist, verfüge ich nicht über das Wissen, was genau fehlt und wie es repariert werden muss. Ich überlasse dies einem Fachmann.
Wenn ich krank bin, lasse ich mich von einem Arzt untersuchen und gegebenenfalls behandeln. Es käme mir nie in den Sinn, dafür die Meinung zB eines Komikers und sei er auch noch so berühmt, einzuholen.
Bei Problemen mit meinem Auto frage ich gerne einen Automechaniker um Rat und wenn eines meiner Meerschweinchen krank ist, dann gehe ich mit ihm zur Tierärztin.
Ich könnte auch gut im Internet, zB bei Facebook fragen, was mir wohl fehlen könnte, wenn ich Kopfschmerzen und gleichzeitig den Krampf in der rechten Wade und Verstopfung habe und ganz bestimmt würden ganz viele Menschen ihren Kommentar, ihre Meinung, ihre Diagnose drunter schreiben. Natürlich auch gleich mit vielen Ratschlägen, was zu tun sei. Bestimmt wären auch einige dabei, die schrieben, sie seien Arzt oder hätten diese Symptome auch schon gehabt. (Früher hat man gesagt, „Papier nimmt alles an“. Und im Internet kann jeder ein Arzt sein oder was auch immer er sein möchte. Jede kann schreiben oder erzählen, was sie will und was daran wahr, ist, weiss man nie so genau.) Einige würden mich auslachen und irgendeine Scheisse in die Kommentarspalte rotzen. Und irgendeiner würde mir im Messenger schreiben, ich sei hübsch und er horny. Wenn ich Pech hätte, sogar mit Beweisfoto.
Ja, so läuft das. Egal, welches Thema aufkommt, es gibt zahlreiche Experten bzw. solche, die sich als Experten sehen. Experten zu egal welchem Thema. Zu jedem eigentlich. Sei es Corona, seien es die Impfungen, die Vorgehensweise, die Massnahmen, sei es Afghanistan oder Rassismus, Feminismus, Nagetierhaltung, Tierschutz, Erziehung und was auch immer.

Besonders interessant finde ich auch, dass plötzlich der Anspruch besteht, ganz genau wissen zu wollen, welche Inhaltsstoffe diese Impfung hat. Es ist wohl davon auszugehen, dass diese Personen auch ganz genau die Inhaltsstoffe ihrer Schmerztablette, der Antibabypille und des Hustensaftes kennen, den sie ihrem Kind geben, wenn es krank ist. Oder Coca Cola, Mars, die Fertigpizza, Sonnencreme, Kaugummi oder Schokoladenpudding aus dem Kühlregal.
Ich nicht.

Ich habe oft darüber geschrieben, wie gefährlich und ungesund ich es finde, wenn Menschen sich radikalisieren. Das geschieht momentan sehr oft, finde ich. Es sind schwierige Zeiten. Millionen von Menschen müssten am selben Strick ziehen, um dieses Problem zu lösen. Dass das nicht klappt, kommt ja auch nicht überraschend, denn das ist ein riesiges Ausmass. Meistens klappt das ja nicht mal im Kleinen. In einer Familie, einer Firma, einer Nachbarschaft…

Ich finde, es geht um Verantwortung. Für mich jedenfalls Es geht nicht darum, sich impfen zu lassen oder es nicht zu tun. Es geht darum, sich für etwas zu entscheiden und dann halt auch dahinter zu stehen.
Hinter etwas – oder in diesem Fall hinter dieser Entscheidung – zu stehen bedeutet für mich, die Konsequenzen zu tragen.
Ich zB bin geimpft. Ich habe mich nicht impfen lassen, weil ich dumm bin und den andern Schafen hinterher springe, nein. Aber ich muss mir das immer wieder mal anhören. Ich bin ja der Meinung, dass man genau dann beginnt, andere zu beleidigen und respektlos zu behandeln, wenn man überfordert ist und einem die Argumente ausgegangen sind. Das gehört für mich unter anderem zum zu sich und zu seiner Entscheidung stehen. Das tut man, indem man wenn nötig begründet (ich finde es nicht mal nötig) und nicht, indem man die, die anders entschieden haben, runter macht.
Ich habe jedenfalls noch nie jemanden beleidigt, der nicht geimpft ist. Ich muss ehrlich sagen, ich bin nicht mal scharf drauf, darüber zu reden.

Mir ist es ganz ehrlich scheiss-egal, wer nicht impft und warum das so ist. Warum würde ich das wissen wollen? Was würde es mir bringen? Und würde ich dann diskutieren und versuchen, jemanden zum Impfen zu überreden? Nein. Und umgekehrt funktioniert das sowieso nicht. Was soll es bringen, mit mir über das Impfen zu diskutieren, zu versuchen es mir abspenstig zu machen? Soll ich meine Meinung ändern und diesen Impfstoff wieder aus mir raus pressen?
Also… es ist umsonst, man kann sich seine Nerven und die Geduld für etwas anderes sparen, das ist sinnvoller.

Betreffend Konsequenzen habe ich gewusst, dass ich danach nicht einfach „frei“ sein werde, denn es gilt nun, diejenigen zu schützen, die nicht geimpft sind. Ich trage weiterhin Maske und verhalte mich den Massnahmen entsprechend, nur nun halt nicht mehr nur für mich, sondern vor allem für andere und vor allen Dingen auch für die Kinder, die ja ungeschützt sind.
Andere Konsequenzen habe ich nicht.

Die Konsequenzen des Nicht-Impfens sind unter anderem, dass man einen schweren Krankheitsverlauf in Kauf nimmt. Passiert auch nicht extrem oft, aber kann passieren. Man hat ein viel grösseres Risiko, sich anzustecken als eine nicht geimpfte Person und trägt das Virus länger mit sich rum, ist also länger ansteckend. Leider ist es so, dass diesen Konsequenzen dann nicht nur die betroffene Person, sondern auch ihr Umfeld ausgesetzt ist. Und im schlimmsten Fall das überstrapazierte Gesundheitspersonal in den Krankenhäusern und dann möglicherweise auch andere Notfall-Patienten, die auf eine Behandlung warten müssen und möglicherweise sterben. Das kann dann jeden treffen. Ein Herzinfarkt, ein Unfall, ein Hirnschlag, Krebs, Komplikationen nach einer Operation usw…

All dies sind Konsequenzen, die ich persönlich nicht tragen will. Aus verschiedenen Gründen.

Offensichtlich habe ich nun also doch übers Impfen geschrieben…

Bleibt gesund und passt auf euch und aufeinander auf. Bisschen anständig miteinander umzugehen würde auch nichts schaden.



Alleiner

Es ist Pandemie. Immer noch. Die Hoffnung auf ein einigemassigen baldiges Ende ist da. Jedenfalls bei mir. Andere sehen es anders, sehen alles anders.
Es ist die Hoffnung. Nur die Hoffnung.
Wissen wäre etwas anderes, darüber bin ich mir bewusst. Geht ja nicht allen so, wie ich immer wieder merke.

Die Situation setzt sehr vielen Menschen sehr zu. Alle halten schon lange durch und alle befinden sich schon seit mehr als einem Jahr in einer ganz aussergewöhnlichen Situation. Viele Menschen haben begründete Existenzängste, verdienen kein oder weniger Geld zur Zeit. Viele haben Angst um ihre Firma, um ihren Job oder haben ihr Einkommen bereits verloren.

Viele verzichten fürs Gemeinwohl auf so einiges, was ihnen wichtig ist, was ihnen gut tut bzw. täte. Auf Aktivitäten verschiedener Art und vor allem auf persönliche Kontakte.
Es geht darum, einander nicht anzustecken. Zum einen darum, weil sich das Virus bei jedem anders auswirken kann. Der eine merkt nicht mal, dass er es hat, der andere wird ein paar Wochen krank und nochmal andere werden schwer krank oder sterben daran. Wenn ich das so beschreibe, klingt das in meinem Kopf wie Russisches Roulette. Es ist da und man weiss nicht, was es mit einem selbst machen würde. Oder mit den Menschen, die man gern hat.

Zum andern machen wir das alles nicht zuletzt auch, um das Gesundheitssystem nicht zum Erliegen zu bringen. Meiner Meinung nach sind das die Früchte der Politik, die wir in den letzten Jahrzehnten betrieben haben. Nun ernten wir.
Wir denken in dieser Situation vor allem an die Corona-Patienten und Patientinnen und viele finden es ja durchaus okay, dass man (lieber die andern) daran sterben kann, denn die Chance dass es einem selbst oder ein Familienmitglied trifft, ist relativ klein. Da lässt es sich leicht reden und alles runter spielen. Wären die über 10000 Verstorbenen (in der Schweiz) mehrheitlich Kinder oder Menschen zwischen 30 und 40, wäre das Echo ganz anders, da bin ich mir sicher. Aber darum geht es nun nicht. Das sind eher so ethisch-moralische Fragen, die meiner Meinung nach schlussendlich jeder für sich selbst klären muss.

Es geht im Gesundheitssystem, so wie ich es verstehe, vor allem um zwei Faktoren. Für den ersten interessiert sich auch keiner, denn auch das betrifft nur wenige von uns. Dabei geht es ums Personal in Krankenhäusern, um die Ärztinnen und Ärzte und um das Pflegepersonal, die Corona-Patientinnen und Patienten behandeln, über Wochen und Monate. Wie sie viele von ihnen in ganz schrecklichen gesundheitlichen Zuständen und einige davon sterben sehen. Die Kontakte mit den sorgenden, traurnden, wütenden, ohnmächtigen Angehörigen. Ganz bestimmt psychisch und körperlich ein sehr harter Job. Dazu kommen ja dann noch die Arbeitsbedingungen, wenig Personal, lange Dienste, viele Überstunden. Die Notwendigkeit von Erholung zwischen den Diensten und aber auch der Mangel von genau dieser. Und die Tatsache, dass im Pflegebereich nicht erst seit jetzt ein Engpass herrscht (denn auch bis anhin keinen interessiert hat), macht es nicht besser, obwohl damit gern argumentiert wird. Ein Argument, das keines ist.
Zum andern geht es darum, dass die Intensivstationen nicht gefüllt werden mit Corona-Erkrankten, denn sie werden auch von andern Menschen benötigt und das interessiert uns schon mehr, denn man weiss, dass es jederzeit jeden treffen könnte und kann. Ein Autounfall, ein Herzinfarkt, Hirnschlag, eine einfache Operation mit Komplikationen usw und man schon braucht man ein Bett auf der Intensivstation. Und was passiert, wenn keine frei sind? Plötzlich würden Menschen dann nicht mehr nur vermehrt an Corona sterben oder zumindest Folgen davontragen, sondern auch daran, dass sie nicht behandelt werden können.
Ich arbeite nicht im Krankenhaus, aber mir ist klar, dass ein normales Patientenzimmer nicht dieselbe Ausstattung hat wie ein Intensivzimmer. Und dass Intensivpflegepersonal anders ausgebildet ist als das Personal auf der medizinischen oder chirurgischen Abteilung. So können wohl normale Krankenzimmer nicht einfach so in Intensivzimmer verwandelt werden und Pflegepersonal auch nicht in Intensivpflegepersonal.

Wie dem auch sei, ich finde ja dass Prävention sowieso viel mehr Sinn macht, als bewusst auf ein Problem los zu rennen, um es dann mühevoll zu lösen, was übrigens auch teuer ist. Nicht nur betreffend Corona, sondern überhaupt. Aber wir als Gesellschaft mögen nicht gern vorausdenken und Geld in Eventualitäten investieren.



Ich bin aber ein bisschen ausgeschweift. Mein Thema ist ja das Allein-Sein, was eine sehr ansteckende und sich schnell verbreitende Krankheit leider mit sich zieht. Denn wenn etwas ansteckend ist und man möchte nicht, dass es sich verbreitet, dann hilft wohl nichts so sehr wie einander nicht zu nah zu kommen. Dass man das Virus oder den davon befallenen Menschen nicht sehen kann, macht es schwierig. Es wäre einfacher, wenn einem ein Horn wachsen würde auf der Stirn, wenn man angesteckt / ansteckend wäre. So könnte die Mehrheit der Menschen normal weiter leben, während die mit dem Horn in Isolation gehen und sich auskurieren. So wurde das früher auch gemacht, zB als die Pest wütete. Infizierte Menschen wurden strengstens gemieden, um nicht zu sagen ausgestossen und mit andern Infizierten weit weg verbannt, an den Stadtrand oder ausserhalb des Dorfes.

Nun ist es aber so, dass man das Virus niemandem ansieht und wir haben uns seit 1855 doch auch weiter entwickelt in vielen Bereichen, so gehen wir so etwas nun anders an, uns stehen andere Möglichkeiten zur Verfügung und nicht zuletzt auch ein viel grösseres wissenschaftliches Wissen.

Wenn ich richtig recherchiert habe, dauerte auch in der Vergangenheit eine Pandemie jedesmal ein paar Jahre, was ja auch irgendwie nachvollziehbar ist.

Es ist wie es ist, es ändert sich nichts an der Situation, auch wenn es uns nicht gefällt. Es kursieren allerhand Ideen und Theorien über alles mögliche. Es wird auch viel Wert gelegt auf Meinungsfreiheit, was ja auch richtig und wichtig ist. Nur bedeutet es leider nicht, dass jede Meinung auch der Tatsache entspricht. Ich finde, man muss sich in Diskussionen über Corona und den Massnahmen auch immer bewusst sein, dass wir über ein Thema diskutieren, über das wir nichts wissen als Laien. Keiner von uns ist eine Fachperson und vermutlich ist auch nicht jeder Arzt, jede Person ein Pandemie-Experte, auch wenn er ein Video mit seiner Meinung auf Youtube veröffentlicht.
Diskussionen basieren auf den Dingen, die wir lesen und es gibt da ja ganz verschiedene Informationsquellen, nicht alle davon seriös bzw wissenschaftlich unterlegt. Unsere Meinungsbildung basiert auf unserer Bedürfnisbefriedigung, das ist nichts anderes als nur menschlich.
Schon seit einer Weile empfinde ich vieles eher kontraproduktiv und nicht zielorientiert. Aber auch da gehen die Meinungen ja auseinander. Ich denke, die momentane Situation wird sehr stark von Akzelerationisten für ihre Zwecke benutzt, was ich sehr besorgniserregend finde.
*Akzelerationismus ist eine Strategie von politischen Extremisten, die durch gezielte Disinformationen, Lügen und manipulative Rhetoriken einen Kollaps der Gesellschaft herbei führen wollen, um ihre moralisch antiquierten Regeln wieder einführen zu können, um es nur kurz zu erklären.

Wie auch immer. Etwas was viele von uns stark betrifft, ist die Absenz von persönlichen Kontakten. Ich schreibe persönliche, weil Kontakte ja nicht verboten sind und wenn ein persönliches Treffen auch viel schöner ist, gibt es auch dennoch noch andere Möglichkeiten der Kontaktpflege.

Allein- Sein ist aber ein grosses Thema. Viele von uns machen Homeoffice und sehen die Kollegen:innen höchstens noch über Videochat. Freizeitaktivitäten in Gruppen fallen seit längerem weg und Besuche sind auch nur spärlich erlaubt. Wenn man keine Familie hat, mit der man zusammen wohnt, trifft man möglicherweise kaum noch andere Menschen.
In den letzten Tagen habe ich gelesen, dass die alten Menschen sich allein gelassen fühlen. In vielen Pflegeheimen gelten noch immer strenge Besuchsregeln.
Die Jungen fühlen sich ebenfalls allein gelassen. Sie vermissen das Zusammensein mit Gleichaltrigen. Zu Recht.
Und die Singles auch. Die gibts ja in jeder Altersklasse. Wer allein wohnt, ist momentan wohl wirklich sehr isoliert.
Es betrifft ganz viele Menschen.

Und doch ändert sich deswegen nichts an der Situation. Wenn jemand in einer Krise steckt, hat er selten Lust dazu und trotzdem ist es so. Eine Krise muss durchlebt werden, Probleme müssen gelöst werden. Sie verschwinden nicht, weil man sie verleugnet oder nicht hinschaut.
Es hat also nicht weniger Erkrankte, wenn man weniger testet oder mehr, wenn man mehr testet so wie es nicht weniger Schwangere gibt, wenn man weniger Schwangerschaftstests macht.

Ich glaube, man sieht sehr gut in dieser Zeit, wer krisenerprobt ist und wer weniger.

Wir sagen ja oft, der Mensch sei zum allein sein nicht gemacht. Aber vielleicht ist es sich auch einfach nicht gewohnt.

Ich persönlich halte mich seit Monaten gut an die verordneten Bestimmungen. Eigentlich weniger, weil ich mich um mich selbst sorge, sondern wirklich vor allem aus beruflichen Gründen, aber auch weil ich möchte, dass das alles endlich mal ein Ende findet.
Ich sehe manchmal wochenlang nur mein Kind und die Menschen, die ich betreue und ehrlich, mir fehlen Kontakte zu andern erwachsenen Menschen wahnsinnig. Und um ehrlich zu sein, ist es nicht nur in der Pandemie so, es ist auch ohne so. Die Zeit dafür fehlt einfach. Und dennoch macht die Pandemie die Kontaktpflege um so vieles schwieriger oder zum Teil gar unmöglich.

Alleinerziehend in der Pandemie, das bedeutet allein zu sein. Alleiner als normal.
In der Pandemie zu sein, bedeutet für viele, allein zu sein. Alleiner als normal.

Die, die am lautesten…


Denn die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.

Bertolt Brecht, Dreigroschenoper


Dieses Zitat von Bertold Brecht kennen bestimmt sehr viele und mir kommt es momentan immer mal wieder in den Sinn, einfach weniger aufs Sehen bezogen, sondern mehr aufs Hören.

Denn die einen sind die Leisen
und die andern, die sind laut
und man höret die, die schreien
die Leisen sind die, auf die man nicht schaut.

Irgendwie so.


Es ist ja oft so, dass man glaubt, der der am lautesten oder am meisten spricht, der hätte auch recht. Manchmal ist es ja vielleicht so, manchmal aber vielleicht auch nicht. Ich glaube, wir Menschen neigen dazu, uns von solchen Menschen beeindrucken und in den Bann ziehen zu lassen. Was schwarz auf weiss irgendwo geschrieben steht oder was uns in einem Video mitgeteilt wird, das glauben wir, wenn es uns in den Kram passt oder wenn es bequemer ist oder wann?
Ich glaube, grad im Moment wird viel Unsinn verbreitet. Und damit möchte ich keineswegs sagen, dass alles, was der Meinung unserer Regierung oder den Gesundheitsbehörden widerspricht, Unsinn ist. Ich bin mir ganz sicher, dass es verschiedene Sichtweisen gibt, verschiedene Ideen und verschiedene Wege zum Ziel. Ich glaube aber auch, dass das Ziel zum Teil nicht dasselbe ist und dass auch ziemlich viele Menschen einfach auf ihre Kappe reden. Einfach so, wie es ihnen am bequemsten ist, so wie es ihnen einen Nutzen bringt.

Und ich bin mir wirklich ganz sicher, dass es extremistisch orientierte Menschen gibt, die die momentan auf ganz vielen verschiedenen Ebenen schwierig auszuhaltende Situation sehr geschickt für sich und ihre Zwecke versuchen zu nutzen. Und das ganz bestimmt auch ganz oft mit Erfolg, weil es viele Menschen gibt, die nicht hinterfragen, die populistische Aussagen nicht erkennen und die ebensolche Aussagen nicht überprüfen. Das ist nämlich auch tatsächlich nicht einfach, handelt es sich doch um komplexe medizinische oder wissenschaftliche Themen.
Also ist es einfacher, eine dem Volk nahe Erklärung zu glauben, die die komplizierten und nicht recht verstandenen Aussagen der entsprechenden Experten als falsch bezeichnen und damit auch die darauf aufbauenden Massnahmen, die uns einschränken und existenzielle Folgen für viele von uns haben und uns sowieso nach einem Jahr zuviel werden.

Und was kann man dagegen tun? Keine Ahnung… ich versuche, meine (so wie ich persönlich finde) vernünftige Meinung nicht immer nur für mich zu behalten und mich auf meinen gesunden Menschenverstand zu besinnen. Aber wenn ich etwas gelernt habe in dieser Pandemie, dann ist es das, dass JEDER von sich denkt, er besitze einen gesunden Menschenverstand… Denn der ist es wohl, auf dem wir schlussendlich alles aufbauen und auf den wir vertrauen. Deswegen ist es wohl überlebensnotwendig, dass jeder auf sich selbst vertraut kann, egal wie verworren seine Gedanken auch sein mögen. Das ist trotzdem wichtig fürs seelische Gleichgewicht. Denn wem soll man denn vertrauen, wenn man seinen eigenen Wahrnehmungen und Gedanken nicht mehr glauben kann? Schwierig…

Und so wird der sogenannte gesunde Menschenverstand zur subjektiven Wahrnehmung und hilft wohl der Gesamtheit relativ wenig, dafür einem selbst umso mehr. Denn er hilft, auf dem Boden zu bleiben, zu reflektieren und sich selbst dazu zu befähigen, sich verschiedene Meinungen anzuhören und sich daraus dann selbst eine zu machen – wie auch immer die dann aussehen mag

Das einzige, was wohl einfach sicher ist ist, dass jeder einen Menschenverstand hat. Ob gesund oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich hoffe, dass die Vernunft und das Gesunde gewinnen wird, auf jeder Ebene, denn vieles was man überall so hört, finde ich äusserst bedenklich und auch beängstigend. Viel besorgniserregender als das Virus oder die wirtschaftliche Situation.

Ich habe momentan mehr denn je das Gefühl, dass ganz viel eigener Frust, eigene Themen in diesen Corona-Brei geworfen und damit vermischt werden. Dass ganz viele sich enervieren und engagieren, um sich selbst von sich und seinen eigenen Themen abzulenken.

Ich habe lange überlegt, was ich hier nun als Schlusswort oder Schluss-Satz schreiben soll und ich hatte keine guten Einfälle. Vermutlich brauchts kein Schlusswort, weil es noch nicht das Ende ist…




tot

Offenbar sterben in den letzten Wochen in der Schweiz viel mehr Menschen als durchschnittlich in andern Jahren. Man nennt es Übersterblichkeit. Corona macht den Unterschied. Die zweite Welle ist heftiger als die erste und fordert viele Todesopfer. Es sterben vor allem über 65Jährige oder noch ältere.
Weitere werden folgen und wir werden es zulassen. Wir werden nicht darüber sprechen und wenn, dann werden wir sagen „sie waren alt, sie wären auch ohne Corona jetzt oder bald gestorben“ und „sie sind nicht an Corona, sondern mit Corona gestorben“.

Meine Eltern waren 51 und 67, als sie gestorben sind. Lungen- und Speiseröhrenkrebs. Sie wären auch ohne Krebs in den nächsten Jahrzehnten gestorben, klar. Bis dahin hätten sie aber noch einiges erlebt. Wir hätten es zusammen erlebt. Ich hätte die Gelegenheit gehabt, noch einen Teil meines Lebens mit ihnen zu teilen.
Meine Mutter hat nicht mehr erlebt, wie ich das Studium zur Sozialpädagogin erfolgreich abgeschlossen habe. Sie konnte mir nicht beistehen bei diversen Liebeskummer-Krisen, bei einigen Job-Wechseln und neuen Lieben. Sie hat den Mann, den ich geheiratet habe, nie kennen gelernt und er sie nicht. An der Hochzeitsfeier war ich ganz besonders traurig, dass sie nicht dabei ist.
Mein Vater war bei der standesamtlichen Hochzeit mit dabei, aber nur kurz, da er im Krankenhaus war wegen seinem Krebs. Die grosse Feier machten wir ein Jahr später, in der Hoffnung, dass er bis dahin wieder gesund ist und auch dabei sein kann. Aber das war er nicht. Ein Jahr später war er bereits seit 8 Monaten tot. Die Hochzeitsfeier fand ohne meine Eltern statt.
Drei Jahre später habe ich eine kleine Tochter geboren. Ihre Grosseltern haben sie nie gesehen und meine Tochter sie nicht.
Mir fehlt das sehr.
Sie haben nicht mehr erlebt, wie mein Mann und ich uns getrennt haben. Sie konnten mich nicht unterstützen, nicht da sein. Ganz ehrlich, ich hätte sie gebraucht. Tu ich noch heute oft.

So ergeht es momentan vielen Menschen, die nun sterben. Und ihren Familien.

Wenn jemand an Krebs stirbt, kann man das nicht verhindern.
Niemand ist an der Erkrankung schuld, denn Krebs ist nicht ansteckend, Krebs ist auf keine Weise übertragbar. Die Medizin hat gewisse Möglichkeiten, Krebs zu behandeln. Sehr oft erfolgreich, aber leider nicht immer.
Aber alle tun ihr bestes und jedes Leben zählt. Wenn jemand Krebs hat, kann man davon ausgehen, dass alles versucht wird, um dieses Leben zu retten und wenn dies nicht mehr möglich ist, so gut es geht, Schmerzen und Leiden zu mindern.
Meine Eltern sind an Krebs gestorben. Nicht mit Krebs.

Nun gibt es Menschen, die mit gewissen Diagnosen leben. Zum Beispiel mit Diabetes, Asthma oder mit Lungenkrankheiten. Für all das gibt es wirksame Medikamente und wenn man richtig behandelt wird, führen diese Krankheiten nicht früher als „normal“ zum Tod.
Diese Menschen gehören nun unter anderen zur Risikogruppe der Covid-Erkrankung. Wenn sie sich anstecken ist die Möglichkeit grösser, dass sie einen schweren Verlauf erleben könnten.
Falls es zum Tod kommt, sterben diese Menschen an Covid. Nicht mit Covid, denn ihre Diabetes oder ihr Asthma hätten sie nicht umgebracht.

Wenn jemand einen Verkehrsunfall hat und auf dem Unfallplatz oder später im Krankenhaus stirbt, stirbt er an den Folgen dieses Unfalles und nicht mit ihnen. Es käme niemandem in den Sinn zu sagen, „er wäre ja sowieso irgendwann gestorben“ oder „an der jährlichen Grippe sterben mehr Menschen als im Strassenverkehr“. Oder „sie starb an Diabetes und mit Hirnverletzungen nach einem Autounfall“. Das käme niemandem in den Sinn und wenn, dann würden wir es möglicherweise etwas taktlos finden oder zumindest schräg.

Wenn jemand aufgrund eines Verkehrs- oder anderen Unfalls stirbt, hätte das natürlich fast immer verhindert werden können. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass ein Unfall keine Absicht ist und dass solche Dinge einfach passieren.
Im Strassenverkehr zum Beispiel, versuchen wir, Unfälle zu verhindern. Wir nehmen Rücksicht, indem wir uns zB an eine Geschwindigkeits-Limite halten oder keinen Alkohol trinken, wenn wir fahren. Wir halten uns an viele klare Regeln im Strassenverkehr. Wir tragen eine Gurte, wir schalten das Licht ein, um zu sehen, aber auch um gesehen zu werden. Wir schützen mit diesen Massnahmen uns, aber auch die andern Menschen auf der Strasse. Der Erfolg von diesen Schutz- und Vorsichtsmassnahmen ist unumstritten, wenn auch nicht 100%ig.
Diese Massnahmen schränken uns ein bisschen ein, das muss man schon zugeben. Ich würde sehr oft sehr gerne sehr viel schneller fahren. Die Gurte drückt mir immer so unangenehm auf den Busen und es passt mir gar nicht, wenn ich spät dran bin, am Rotlicht anhalten zu müssen. Und immer diese Fahrradfahrer überall… Es wäre viel einfacher für mich als Autofahrerin, wenn ich auf die und auf die Fussgänger nicht auch noch ein Auge werfen müsste.
Manche Massnahmen sind temporär. ZB bei einer Baustelle muss man langsamer fahren oder es kann am Rotlicht zu Wartezeiten und Stau kommen und wir ärgern uns fürchterlich darüber, denn wir wollen ja pünktlich bei der Arbeit oder sonst wo sein.
Und wenn die Baustelle dann weg ist, ist auch die Ampel wieder weg und der Verkehr normalisiert sich.

Wenn es nun um Corona geht, führen diese Massnahmen viel weiter. Sie betreffen nicht nur eine gewisse Menschengruppe, sondern uns alle. Und nicht nur einen Teil unseres Lebens, also zB den Arbeitsweg, sondern verschiedene Bereiche. Wir werden in unserer Freiheit eingeschränkt, was niemand besonders geil findet. Und die Situation dauert an. Und an. Wie lange noch?
Viele können einigermassen damit umgehen und verstehen die Gründe dafür. Andere können das weniger gut oder gar nicht, auch dafür gibt es Gründe.

Ich frage mich oft, wie das für Menschen ist, die sehr direkt mit Covid betroffen sind… Patienten oder auch zB Pflegepersonal.
Wie ist es für Menschen, an Corona zu sterben und zu wissen, dass das für die andern ziemlich okay ist so? Zu wissen, dass viele von uns nicht bereit sind, sich temporär einzuschränken, um eine Ansteckung und Verbreitung zu verhindern oder zu verringern? Zu wissen, dass sie früher sterben als es vielleicht nötig gewesen wäre, weil andere sich weigern, sich für eine Weile der momentan speziellen Situation anzupassen?
Und wie ist es wohl für Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern, die mit Covid-Patienten arbeiten? Wie ist es für sie, lange Schichten zu arbeiten, um zu sehen wie „draussen“ die Menschen sich munter weiter anstecken? Wie ist es für sie, zu sehen, dass es uns sehr wichtig ist, unsere Freizeitaktivitäten durchzuführen und so halt auch zB beim Ski fahren Unfälle zu riskieren, obwohl das Gesundheitspersonal bereits sehr ausgelastet ist? Und wie ist es für sie, wenn sie hören, wie Leute über Corona, die Schutzmassnahmen und die Intensiv-Patienten und die Toten lachen?

Ich will da nicht soviel persönlich dazu sagen. Meine Haltung ist, um mich kurz zu fassen, dass ich es total okay finde, wenn alte Menschen sterben, wenn ihr Leben vorbei ist. Ich glaube auch, dass man bei einem 99Jährigen keine lebensverlängernde Massnahmen mehr machen sollte, denn irgendwann ist unsere Lebensdauer einfach vorbei und wir wissen dass. Das ist der Lauf des Lebens und trotzdem ist es traurig für die Menschen, die jemanden verlieren.
Ich denke aber auch, dass die „Schwächsten“ geschützt und BEschützt werden sollen, das ist Ehrensache irgendwie. Auch gerade über 65Jährige haben nach einem arbeitsreichen Leben, nachdem sie UNS aufgezogen, erzogen und ausbildet haben, verdient, noch ein paar Jahre oder sogar Jahrzehnte leben zu dürfen. Die Generationen über uns haben uns in der Vergangenheit begleitet und geschützt und nun ist es unsere Aufgabe, dasselbe für sie zu tun und ich finde, wir versagen da gerade kläglich.

Heikle Themen

Es gibt Themen, die sind furchtbar heikel und wenn man klug ist, lässt man es, darüber zu diskutieren oder gar zu sprechen, wenn ihr mich fragt.

Zu diesen Themen gehört zum Beispiel die Erziehung oder halt allgemein der Umgang, den man mit seinen Kindern pflegt bzw die Kritik daran. Jede Familie handhabt es ein bisschen anders. Manche bestrafen ihre Kinder, andere nicht. Manche setzen enge Grenzen, andere eher lockere. Manche verbieten sehr vieles, andere lassen die Kinder machen.
Ich glaube, es gibt kaum ein Thema, das uns so schnell zum Beurteilen verleitet, wie dieses. Aus einer Situation wird auf das Ganze geschlossen und man sieht gerne in Extremen. So scheint es als Eltern schwierig, überhaupt etwas richtig zu machen, denn entweder ist man eine Helikopter- oder eine Rabenmutter, wobei immer nur ein Bruchteil dieser sogenannten Erziehung für andere direkt sichtbar und dementsprechend sowieso nicht aussagekräftig ist.
Dazu kommt es ja noch, dass man diese Beurteilung mehrheitlich wohl auf Mütter bezieht, denn als Vater ist man da fein raus. Wenn man sich zweimal im Jahr mit den Kindern plus Hund beim Spazieren in der Öffentlichkeit zeigt, gewinnt man sozusagen bereits den goldenen Pokal beim Best Father Contest.
Bisschen überrissen vielleicht, gäll. Aber auch nicht ganz unwahr.

Also, diese verschiedenen Wege, ein Kind zu erziehen… Natürlich findet jede und jeder seinen Weg am Besten. Und das ist nichts weiter als total logisch, denn würde man es denn sonst so machen, wie man es macht? Eben. Ich gehe schwer davon aus, dass so ziemlich alle Eltern diese Aufgabe so gut wahrnehmen, wie es ihnen möglich ist. Natürlich gibt es Ausnahmen und wie immer und alles, gibt es auch dafür Gründe und ein Verurteilen und Ausgrenzen hat da selten zu einer Besserung der Situation beigetragen.
Ich denke, kluge Menschen wissen aber auch, dass es verschiedene Wege gibt und keiner der perfekte ist und auch, dass das so total in Ordnung ist.

Die Themen, die besonders heikel sind, um es mal so auszudrücken, sind ja die, die uns ans Lebendige gehen. Die, die uns ganz besonders betreffen oder ganz besonders betroffen machen.
Als ich Mutter wurde, wurde mir erst richtig bewusst, dass das mit den verschiedenen Erziehungsmethoden – obwohl wir ja schlussendlich alle in etwa nach der selben Methode gehen, aber es da viel Spielraum gibt – durchaus nicht immer ein einfaches Thema ist. Und ganz bestimmt gehört da auch das Impfen dazu.

Ich habe mich nun mal etwas näher damit beschäftigt.
Noch vor 150 Jahren ist in der Schweiz ein Fünftel aller Babies im ersten Lebensjahr verstorben, das war total normal. Das waren also 200 von 1000 Kindern. Heute sind es noch 3 von 1000 Kindern, die sterben, bevor sie ein Jahr alt werden. Dieser Fortschritt ist Impfungen, besserer Hygiene und Ernährung zu verdanken. Wenn sehr viele Menschen gegen eine ansteckende Krankheit geimpft sind, entsteht eine sogenannte Herdenimmunität. Von dieser profitieren dann auch (oder wohl vor allem) nicht geimpfte Personen, weil sich selbst bei einem Ausbruch die Krankheit nicht weiter verbreiten kann, weil ja die Mehrheit der andern Menschen dagegen geimpft und damit immun ist.

Am schlimmsten gewütet haben in der Schweiz im 19. Jahrhundert die Cholera oder auch die Tuberkulose und die Spanische Grippe von 1918, die 21000 Tote gefordert hat, die meisten von ihnen waren zwischen 20 und 49 Jahre alt.

Epidemien gab es in der Geschichte der Menschheit immer wieder. In Europa war neben Typhus, Cholera und Pocken die schwarze Pest wohl die bedeutendste Epidemie, an der von 1347 bis 1352 25 bis 50% der Bevölkerung gestorben sind, begleitet von Hungersnöten, Kriegen und extremen Kälteperioden.

Nach diesem Epidemien waren die Überlebenden immunisiert, nur Kleinkinder konnten noch von ihnen befallen werden. Das ist der Grund, dass zB Masern als Kinderkrankheit bezeichnet wird, obwohl es gar keine ist.
Durch weit verbreitete Impfungen konnten einige Krankheiten an ihrer Verbreitung gehindert und damit ausgerotttet werden, zB Kinderlähmung oder Diphterie, Krankheiten, die vor allem Kinder unter 5 Jahren betreffen. Dazu gehören auch die sehr ansteckenden Masern. Diese Krankheiten sind nur noch in bestimmten Regionen der Welt zu finden, in denen die Impfrate nicht ausreichend ist.

Wir sprechen momentan ja von einer Pandemie, wenn es um das Thema Covid19 geht. Aber was ist eigentlich eine Pandemie?
Der Ausdruck Pandemie beschreibt das Ausmass einer Ansteckung. Man spricht von „Ausbruch“, um das plötzliche Auftreten einiger Fälle zu beschreiben. Um eine „Epidemie“ handelt es sich, wenn eine Region oder einige Länder von einer Ansteckung stark betroffen sind und von einer „Pandemie“, wenn sich diese über mehrere Kontinente erstreckt.
Beim aktuellen Fall, dem Covid19 Virus, handelt es sich also um eine Pandemie, da mehrere Kontinente betroffen sind.
Eine Epidemie oder eine Pandemie kann durch ein bereits bekanntes Bakterium oder Virus verursacht werden, wenn der Anteil der geimpften Personen nicht mehr gross genug ist, um eine Herdenimmunität zu gewährleisten. Sie kann aber auch durch ein neu auftretendes Bakterium oder Virus zustande kommen, wie zB wie AIDS 1983 oder das Coronavirus SARS 2002 bis 2004. Und natürlich jetzt durch das neue Coronavirus Covid19.

Man unterscheidet zwischen vier Familien von Epidemien.
1. Krankheiten des Verdauungssystems: Durchfälle, Cholera, Salmonellen usw. Sie werden vor allem durch Wasser übertragen, das mit Fäkalienkeimen kontaminiert ist.
2. Krankheiten, bei denen die Erreger sich durch Tröpfchen, die beim Husten oder Niesen entstehen, übertragen: Diphterie, Grippe, Masern, Tuberkulose usw. Die Ansteckung erfolgt durch das Einatmen der infizierten Tröpfchen, die in der Luft schweben oder sich auf Lebensmitteln oder Gegenständen niedergeschlagen haben.
3. Sexuell übertragbare Krankheiten: AIDS, Syphillis, Hepatitis B, humane Papillomaviren usw.
4. Durch Stiche oder Bisse von Tieren (Flöhe, Mücken, Zecken, Moskitos) übertragbare Krankheiten: Malaria, Gelbfieber, Denguefieber, Zika.

Das Impfen ist ja in Zusammenhang mit der neusten Situation in aller Munde und ich möchte hier keineswegs als Befürworterin für die Impfung gegen Covid19 auftreten. Aber auch nicht als Gegnerin. Ich bin da eigentlich ziemlich neutral. Aber aufgrund der oben beschriebenen Gründe verstehe ich die Sinnhaftigkeit von Impfungen durchaus.
Ich finde auch, dass man – und vielleicht besonders Menschen, die sich nicht impfen lassen, gegen was auch immer – sich bewusst ist, dass man sich das eigentlich nur leisten kann, weil nämlich die meisten andern es tun. Würden sie es nicht tun, wären verschiedene tödliche Krankheiten nach wie vor stark verbreitet. Auch hier bei uns. Diese sind nämlich nicht „ausgestorben“, weil wir so zivilisiert sind, sondern wie am Anfang beschrieben, unter anderem auch weil wir uns dagegen impfen lassen.

Für unsere Generation ist das wohl eher abstrakt, denn wir haben all diese Krankheiten fast gar nicht mehr erlebt. Bei uns im Ort wohnte ein Mann, der als Kind Poliomyelitis – Kinderlähmung – hatte und sein Leben lang dann diese einseitige „Verformung“ des Körpers oder wie man es nennen mag, und eine Gehbehinderung, die wohl durch die damalige Lähmung entstanden ist. Das war es, was sichtbar war. Ob er noch andere Beschwerden hatte, das weiss ich nicht. Und jetzt gerade beim Schreiben erinnere ich mich an eine Frau, mit der ich mal zusammen gearbeitet hatte, die ebenfalls aufgrund von Kinderlähmung eine Körperbehinderung hatte. Ich denke nicht, dass noch viele Menschen leben, die eine Kinderlähmung hatten, da ab 1955 geimpft wurde. Und damit ist. das eine Krankheit, die für die heutigen Eltern von Kindern eigentlich gar nicht existiert, was einem vielleicht schon dazu verleiten kann, eine Impfung in Frage zu stellen.

Aber eine lustige Krankheit ist das nicht. Kinderlähmung wird durch ein Virus übertragen, das eigentlich eine Magen-Darm-Infektion auslöst. Wie auch andere Durchfall-Viren (Noro zB) ist es höchst ansteckend. Dieses Virus kann auch Nervenzellen befallen und führt dann zu Lähmungen in verschiedenen Körperregionen. Manchmal gehen diese mit der Zeit wieder zurück, meistens bleiben aber Lähmungen. bestehen. Auch die Atemmuskulatur kann gelähmt werden. In diesem Fall muss man langfristig oder sogar sein Leben lang künstlich beatmet werden.
Kinderlähmung befällt nicht nur Kinder. Sie heisst einfach so, weil früher viele Menschen schon als Kind Kontakt mit dem Virus hatten. Je älter die infizierte Person ist, desto schwerer ist der Krankheitsverlauf (man kennt das zB auch von Masern).
1955 wurde die Impfung eingeführt, worauf die Kinderlähmung innert kürzester Zeit verschwand. Es gibt diese Krankheit heute nur noch in einigen asiatischen und afrikanischen Ländern, da dort eine Impfung aus religiösen oder politischen Gründen nicht alle Kinder erreicht. In Europa gab es in den letzten Jahren auch immer mal wieder Ausbrüche bei nicht geimpften Personen.
Wenn die Herdenimmunität nicht mehr gewährleistet wäre, also wenn sich immer weniger gegen Polio impfen lassen würden, dann wäre auch eine starke Verbreitung nicht auszuschliessen.

Oder Pneumokokken. Sie verursachen verschiedene Krankheiten, wovon die bakterielle Hirnhautentzündung wohl die schlimmste ist, aber auch Blutvergiftung und Lungenentzündung. Jährlich erkranken in der Schweiz etwa 70 Kleinkinder an einer schweren Pneumokokken-Infektion, zwei davon sterben im Durchschnitt. Natürlich ist das eine kleine Anzahl, aber für die Betroffenen ist das natürlich sehr schlimm.
Eine Erkrankung kann einen sehr schweren Verlauf nehmen und unter Umständen zum Tod oder zu einer bleibenden Behinderung führen. Tatsächlich gibt es viele Menschen mit geistigen Einschränkungen, die diese aufgrund einer Hirnhautentzündung haben.

So. Eigentlich hatte ich nicht vor, so tief ins Thema Viren und Impfungen hinein zu tauchen, aber ich fand das gerade sehr interessant.

Aber wir waren ja bei den heiklen Themen. Erziehung und Impfen habe ich bereits genannt und ausführlich darüber geschrieben. Ich erlebe momentan aber auch, dass die Corona-Situation auch ein heikles Thema ist bzw. der Umgang damit (oder mit den schützenden Massnahmen).
Ich persönlich finde, dass es durchaus einen vernünftigen Umgang mit all dem gibt. Ohne Angst oder Panik, aber dennoch mit Rücksicht.

Da, wo Meinungen auseinander gehen, ist unsere Toleranz und unser Verständnis gefragt und dabei darf man nicht vergessen, dass Verständnis nicht EINverständnis bedeutet, sondern einfach nur, dass auch eine andere Meinung okay ist.