Alles und ganz viel Glück unter einen Hut bringen

Ich habe in der letzten Zeit immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mir Gedanken gemacht habe darüber, was es bedeutet, im Leben erfolgreich zu sein. Es geschafft zu haben, wie man so schön sagt.
Aber was ist dieses „ES“ denn eigentlich? Das grosse Glück, die grosse Liebe, Attraktivität, Gesundheit, Arbeit, Heirat, Kind, Haus, Boot, Reisen, Golf spielen, Freunde haben, Geld haben oder was eigentlich?

Ich bin unterschiedlichen Menschen begegnet, die bei mir diese Fragen ausgelöst haben. Aus meiner Sicht aus betrachtet, so perfekt und sorglos, fast ein bisschen glitzernd. Aber ist das alles das, was sie sich gewünscht hatten oder wünschen sie sich noch mehr oder gar anderes?
Manchmal sieht so ein Menschenleben von aussen so perfekt, so schön aus, aber ob der Mensch selbst das auch so empfindet, weiss man nicht.

Jedenfalls habe ich über mein Leben nachgedacht.
Und ich glaube, dass dieses Erfolgreich Sein bei jedem wohl etwas anderes sein kann. Und dass Begriffe wie Glück, Zufriedenheit, Erfolg, Geborgenheit und Liebe von Person zu Person unterschiedlich definiert und noch unterschiedlicher gefüllt werden. Je nach Situation, je nach Charakter und Möglichkeiten und ich glaube auch, je nachdem, was diese Person in der Vergangenheit erlebt hat.
Aus dem was uns fehlt, formt sich das was wir suchen und anstreben, würde ich sagen. Vielleicht.
Ich glaube, das Glück – was auch immer es ist – ist für ganz viele Menschen etwas weit Entferntes und nie Erreichtes und nur die ganz besonders Glücklichen realisieren, dass sie bereits davon umgeben und mittendrin sind.

Ich weiss aber nicht, ob das Glück und das Glücklich Sein dasselbe ist wie im Leben etwas erreicht zu haben. Bestimmt nicht für alle. In unserer Gesellschaft hat „erfolgreich sein“ ja auch ganz viel mit materiellen Dingen zu tun. Damit, diese Dinge für sich zu geniessen, aber auch damit, andern zu zeigen, dass man diese Dinge hat. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Aber auch damit, dass materieller Reichtum uns ganz, ganz viel Sicherheit und Unbeschwertheit vermitteln kann.
Und doch sagt man, Geld allein mache auch nicht glücklich.
Aber was denn noch? Liebe? Geborgenheit? Freiheit? Sorglosigkeit?
All diese Begriffe bedeuten für jede etwas anderes.
Für den einen bedeutet Glück, eine Familie zu haben, für den andern bedeutet es, gesund zu sein und für wieder einen andern ist es das grosse Glück, in der Welt herum zu reisen und ein anderer sieht sein grosses Glück im erfolgreich sein im Job.
Für die eine bedeutet Geborgenheit, sich in ihrer Wohnung sicher und wohl zu fühlen, für jemand anderer bedeutet es, zu jemandem zu gehören, sich geliebt zu fühlen.
Dasselbe mit Sicherheit. Wir können nahestehende Menschen als Sicherheit empfinden, Geld oder was auch immer. Wir hier haben bestimmt eine ganz andere Definition von Sicherheit, verglichen mit zB einer Frau in Afghanistan, die Angst haben muss, getötet zu werden, wenn sie ihr Haus verlässt oder auch wenn sie es nicht verlässt.
Und ich glaube, fast noch unterschiedlicher ist es mit der Liebe. Wir lieben aus unterschiedlichen Gründen und Bedürfnissen heraus genau die Person, die wir lieben. Und auch wenn wir nicht lieben, hat das seine Gründe. ZB kann Sicherheit ein Grund zum Lieben, aber auch zum Alleine bleiben sein, je nachdem welche Erfahrungen man gemacht hat. Liebe ist sehr vielschichtig.

So habe ich mich vor einiger Zeit mit einer alten Freundin seit langem wieder getroffen und unterhalten und das war sehr spannend. Sie führt seit ein paar Jahren ein Leben, das kann man sich als „normaler Mensch“ kaum vorstellen. Sie hat alles, was ich nicht habe, wenn man das so pauschal sagen kann und ich habe alles, was sie nicht hat. Ich hatte im Gespräch ganz unterschiedliche Gedanken und Gefühle und eines davon war, dass ich ihr ihr Glück (ich hoffe dass es das ist) von Herzen gönne. Zum andern habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr so mag von mir erzählen, weil neben ihren Erzählungen mein Leben sehr erbärmlich ausgesehen hat. Aber das ist okay, ich fand es interessant zuzuhören und zu staunen.

Nach diesem Nachmittag bin ich nach Hause gefahren und habe mir echt viele Gedanken gemacht. Ich hatte ganz fest das Gefühl, dass sie genau das gefunden hat, erreicht hat, was sie sich total gewünscht hat immer. Um ehrlich zu sein, habe ich mir auch überlegt, ob ich neidisch bin. Und gemerkt, dass ich es nicht bin. Das was sie hat, macht sie sehr happy. Mich würde es wohl entlasten und mir viele, viele Sorgen und Gedanken nehmen, aber MEIN Leben wäre das nicht.
Und so habe ich in diesen Gedanken realisiert, dass ich glücklich bin mit meinem Leben. Ja, wirklich. Glücklich. Dass ich andern ihr Glück und ihr Leben gönnen kann und ich meines mit allem drum und dran liebe. Ich glaube, das war meine persönliche Erkenntnis dieses Jahres. Ich finde es gut so wie es ist und ich liebe es.
Es ist zuweilen etwas anstrengend, zugegeben. Ich muss meine Energie immer wieder sehr gut einteilen und komme trotzdem immer mal wieder an meine Grenzen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich weiss, dass das noch ein paar Jahre so sein wird und in die Ferien fahren irgendwohin nicht in Frage kommen wird. Es ist wie es ist. Und man hat was man hat. Nicht mehr und auch nicht weniger. Auch zuhause kann ich mir kleine Oasen schaffen.
Und es gibt auch Momente, da fühle ich mich allein, obwohl ich so ziemlich gar nie allein bin. Diese Momente hatte ich früher öfter, jetzt nur noch ganz selten. Vermutlich dann, wenn ich nur noch wenig Kraft habe und mir wünschte, mir würde jemand beim Tragen helfen.

Ich habe mich grad diese Woche mit einer Frau unterhalten, die vor Jahren ihre vier Kinder, eins davon mit einer Einschränkung, allein aufgezogen hat. Sie hat gesagt, dass sie dieses Allein-Gefühl sehr ausgeprägt hatte und das während der ganzen Zeit sehr schwer gefunden hat. Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl es mir nicht ganz so geht. Aber den Gedanken „es gibt auf dieser Welt niemanden (ausser mein Kind natürlich, aber das ist etwas anderes), der mich liebt“, den kenne ich auch. Ich mag ihn nicht. Aus diesem Grund vermeide ich ihn so gut es geht. Klappt ganz gut.

Es wird immer wieder Momente geben, in denen ich mich in Gesellschaft irgendwie als Aussenseiterin fühle. Ich muss das nicht, ich weiss, aber manchmal ist es halt trotzdem so.
So habe ich vor ein paar Wochen in einem Gremium an einer Sitzung teilgenommen, wo jede und jeder sich zuerst mal vorgestellt hat. Dabei haben sie auch ihren Partner bzw. ihre Partnerin erwähnt und ich war da die einzige Alleinerziehende und Alleinstehende. Ich bin mir blöd vorgekommen und ich habe mich geschämt in diesem Moment. Weil ich in diesem Moment dachte, dass ich so ziemlich alles, was ich in meinem Leben erreicht hatte bisher, verloren habe. Die andern sind daran nicht schuld, diese Gedanken werden in mir selbst ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit mir und meiner neuen Rolle zuhause und auch in der Gesellschaft. Mit der zuhause habe ich mich gut arrangiert. Mit der in der Gesellschaft noch nicht so ganz, denn das ist schon schwieriger. Man ist als Alleinerziehende wohl sehr damit beschäftigt zu funktionieren, zu arbeiten, zu haushalten, zu erziehen, Geld zu verdienen, möglichst flexibel zu sein, dass man keine Zeit dafür hat, sich für sich und andere Alleinerziehende stark zu machen. Deswegen ist man mit seinen Themen allein, obwohl es so viele Alleinerziehende gibt. Aber das sind wieder andere Themen.

Ich glaube jedenfalls, dass es notwendig ist, sich diese Gedanken zu machen Die Gedanken, was uns glücklich macht und was wir im Leben erreichen und leben möchten, denn die Zeit läuft und läuft und kommt nie mehr zurück. Es ist gut, auf dem Weg zu sein und ein Ziel im Auge zu haben…
Und das ganz persönliche kleine oder grosse Glück im Alltag zu sehen und zu geniessen. Ich probiere das auch. Es gelingt manchmal schon ganz gut.









Die 10 Gebote

1. Coffee first.

2. Lass das Glück hinein, wenn es dir begegnet.

3. See the heart in everything.

4. Es dreht sich nicht alles nur um dich. Es gibt noch mehr als 7,7 Milliarden andere Menschen auf der Erde.

5. Immer den Ball flach halten.

6. Geniess deine Zeit hier.

7. Be gentle.

8. Fokussiere dich auf das Positive, auf Ressourcen und Fähigkeiten und auf das, was gut klappt.

9. Wer auch immer du sein möchtest oder könntest, bleibe einfach dich selbst.

10. Sei dir bewusst, dass du vieles glaubst und vieles meinst, aber doch recht wenig wirklich weisst.

An wen wir geraten, wenn wir in Not sind

Seit vielen Jahren bin ich in der Betreuung tätig. In der Betreuung von Menschen, die darauf angewiesen sind, dass jemand diese Aufgabe sorgfältig und kompetent ausübt, sie in ihren Anliegen und Bedürfnissen ernst nimmt und sie wenn nötig gegen aussen vertritt, begleitet und gegebenenfalls Dinge für sie übernimmt. Es gibt da ja ganz unterschiedliche Tätigkeitsfelder, unterschiedliches Klientel und auch da unterscheidet sich jeder und jede wieder vom andern. Aus diesem Grund (unter anderem) ist mein Beruf aus meiner Sicht besonders interessant, abwechslungsreich und spannend und manchmal auch besonders anstrengend, wenn ich ehrlich bin.
Egal, wo man arbeitet als Sozialpädagogin, sei es mit Kindern oder Jugendlichen, Menschen mit Suchtproblemen, im Strafvollzug, mit unterschiedlichen und unterschiedlich starken Einschränkungen, mit Frauen, mit Männern, mit Asylanten und Asylantinnen, mit Menschen mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen, mit Opfern, mit Täterinnen oder Tätern usw und egal ob in Schulen, Beratungsstellen, Institutionen, man hat immer mit Menschen zu tun, die diese Unterstützung brauchen, um zurecht zu kommen. Mit Menschen, die, wenn man es so sagen kann, nicht nur auf diese Dienstleistung angewiesen, sondern sogar auch abhängig davon sind. Nicht selten für eine längere Zeit oder für immer.

Etwas, was ich dazu sagen möchte ist, dass es absolut jedem passieren kann, in eine hilfesuchende oder hilfebrauchende Situation zu kommen. Das kann ebenfalls für eine Phase sein, das kann aber auch für länger oder immer sein. Etwas, das unser Leben nachhaltig verändert, kann so schnell passieren. Manchmal von einer Sekunde auf die andere.
Vielleicht kann sich das nicht jeder und jede vorstellen, aber es ist tatsächlich so. ZB ist es uns allen jederzeit möglich an Körper, Psyche oder gar beiden zu erkranken. Dabei gibt es unendlich viele Möglichkeiten, einige wie bereits geschrieben, vorübergehend und heilbar, andere leider nicht. Jeder von uns kann jederzeit einen Unfall erleiden mit schwerwiegenderen Folgen. Eine Gewalttat, ein Übergriff, ein Schicksalsschlag. Jeder von uns kann in eine persönliche Krise kommen, sei es durch eine Veränderung bei der Arbeit oder durch deren Verlust oder durch eine andere schwierige private Situation, ein Todesfall, eine Trennung, irgendwas. Oder in eine Situation, die wir einfach momentan schwierig finden, zB in der Erziehung, ein Suchtproblem, in der Beziehung, finanziell usw. Es gibt viele Szenarien und längst nicht alle betreffen uns direkt und können uns und unser Wohlbefinden dennoch stark tangieren.
Meistens sind solche Situationen vorübergehend und wir haben die persönlichen Fähigkeiten und Ressourcen, uns selbst wieder aufzufangen. Das sind sogenannte Krisen. Sie gehen vorüber, je nach Situation und auch je nach persönlichen Ressourcen schneller oder langsamer. Mit oder ohne Unterstützung von aussen. Und da hat man zB die Möglichkeit aus einem sehr vielfältigen Spektrum an unterstützenden Massnahmen, von Beratungen und unterschiedlichen Therapie- und Betreuungsmöglichkeiten zu wählen. Jede mit dem Ziel, möglichst 100%iges Wohl, Gesundheit und Selbständigkeit wieder zu erlangen.

Vor drei Jahren habe ich es erlebt, dass ich eine für mich recht schwierige persönliche Phase durchlebt habe, in der sich mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt hat. Es war nur eine Phase und ich habe mich in dieser während einer kurzen Zeit in der hilfesuchenden Position erlebt. Ich habe dabei unterschiedliche Erfahrungen gemacht und ganz viele davon sind sehr positiv und ich finde, so sollte es sein.
Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so einfach ist, für eine Beratung an die richtige Stelle bzw an die richtige Person zu geraten, was ich als sehr schwierig empfunden habe in dieser Situation. Ich habe in dieser Hinsicht Gutes, aber auch Grottenschlechtes erlebt von Institutionen, die sich soziale Institutionen nennen.
Jedenfalls ist es doch so, wenn man sich ein Bein bricht, dann braucht man einen Gehstock, der uns stützt und hält oder zumindest mal einen Holzstock, einen Stuhl zum hinsetzen, einen Verband oder irgendwas, was uns für den Moment grad weiterhilft. Eine Beratungsperson, die einem sagt, dass die Schmerzen im gebrochenen Bein nicht so schlimm seien oder uns droht, wenn man nicht normal weiter geht, das Bein zu amputieren und das andere auch noch dazu, das ist kontraproduktiv und weder hilfreich noch die passende Lösung.
Es ist bei andern, nicht für jeden sichtbaren Problemen nicht anders.

Aber ich weiss, auch die, die da in beratenden Positionen sind, sind Menschen, mit ihren eigenen Rucksäcken auf dem Rücken und Launen, Situationen und mehr oder weniger Lust auf diesen Job. Und auch mehr oder weniger geeignet vermutlich. Normal. Nur dürfte das der Klient oder die Klientin nicht mal merken, sondern sie sollte jederzeit kompetent und wertfrei beraten werden.
Offenbar ist das nicht selbstverständlich. Ich war da kein Einzelfall. Im Gespräch mit so einigen Menschen in ähnlichen und ganz andern Situationen habe ich erfahren, dass auch sie es nicht anders erlebt haben.

Das möchte ich nicht.
Ich möchte nicht, dass Menschen in Not so behandelt werden!

Ich möchte gerne, dass hilfesuchende Menschen an Menschen geraten, die auch tatsächlich hilfreich sind. Ich meine da eigentlich auch jetzt nicht einfach andere Mitmenschen, Nachbarn, Freunde oder irgendwen, sondern Personen in sogenannt helfenden Berufen. Also, dass wenn man sich an eine Beratungsstelle wendet, egal welche und wo, dass einem weitergeholfen wird und wenn das nicht möglich ist, dass einem gesagt wird, an wen man sich wenden kann und vor allen Dingen, dass man dort einfach ernst genommen und wertschätzend behandelt wird.

Es ist ja irgendwie mein inneres Ziel, dass ich etwas verändern kann irgendwann und irgendwo. Das war es schon vorher, aber nun auf diese Erfahrung zurückblickend, erst recht. Mir ist es wirklich ein Anliegen, dass Menschen ernst genommen werden und dass niemand ausgeschlossen wird oder Angst hat, ausgeschlossen zu werden, egal warum. Und halt wie gesagt, dass hilfesuchende Menschen oder auch Menschen, denen es nicht mal mehr möglich ist, überhaupt Hilfe anzufordern, nicht an andere Menschen geraten, die mit ihrem Verhalten da etwas schlimmer machen als es eh schon ist. Es ist nämlich dabei nicht zu vergessen, dass es Mut und ganz schön viel Überwindung kostet, über sowas zu sprechen, zu weinen, sich zu öffnen. In diesen Situationen ist man manchmal nicht mehr ganz sich selbst, ist sehr emotional, durcheinander, besorgt oder / und geschwächt.
Statt Krisen als zum Leben gehörend zu akzeptieren, werden sie auch heute noch als Schwäche, „etwas stimmt mit dir nicht“ und „MIR könnte das ja nie passieren“ angesehen.

Ich habe vor kurzem in einer Gruppe von Menschen von einem Anliegen erzählt, das von andern an mich herangetragen wurde. Jemand in der Gruppe hat darauf geantwortet, SIE habe das nie so erlebt und damit war das Thema dann auch von Tisch. Ich habe mich später über mich selbst geärgert, dass ich nicht reagieren konnte, denn wenn auch mich etwas kein Thema ist, heisst es noch lange nicht, dass es das für andere nicht ist.
Mir geht es immer wieder so auf den Sack, dass es Menschen gibt, die etwas selbst erlebt haben müssen und zwar genau 1:1 (was ja sowieso gar nicht möglich ist), um zu verstehen, um empathisch zu sein. Ich finde es einfach schwierig, das zu verstehen und ich sehe bei mir, dass ich nicht alles erlebt haben muss, um mir vorstellen zu können, dass das schlimm ist. Oder halt zumindest dass ich die Haltung habe, wenn die andere Person das als schwierig empfindet, dann ist es das, wenn auch nur für sie.
Ich finde, die Haltung „es betrifft mich nicht, also ist es nicht“ widerspiegelt sooooo die Zeit in der wir leben, die Situation, in der wir leben.

Man kann sich ja nicht um alle und um alles kümmern und auch nicht für alles interessieren. Mich interessiert vieles und ganz besonders interessieren mich Frauen (Männer auch), die in der Situation der Trennung sind.
Meine Erfahrungen in der Auflösung meiner Ehe waren betr. Hilfestellungen und Perspektiven-Schaffung bzw in der Unterstützung darin wirklich etwas durchzogen und das ist genau das, was jemand in dieser Situation nicht braucht. Neben all den Gefühlen, der Trauer, der Enttäuschung, dem Liebeskummer ist man meistens dann als Frau noch in einer existentiell sehr schwierigen Situation. Und nicht nur das. Man hat ja noch Kinder an der Hand, die ebenfalls unterschiedlich reagieren. Man hat also kein Boden mehr unter den Füsse für einige Zeit und gibt trotzdem den Kindern Boden und Halt. Im besten Fall hält man seine Gefühle, seine Tränen und Wut in sich gefangen oder lässt sie nur raus, wenn die Kinder nicht da sind. Was für eine grosse Leistung ist das denn bitte?

Es ist meine Vision, Frauen in dieser Situation zu unterstützen. Mit meinem beruflichen Wissen und meiner persönlichen Erfahrung. Ihnen den oben genannten Gehstock oder einen Schemel zum sich mal ausruhen zu reichen, ihnen zu sagen, an wen sie sich wenden können für die verschiedenen Dinge, die geklärt werden müssen und an wen, um eine hilfreiche Beratung zu bekommen. Einfach zu unterstützen, damit diese Situation nicht aussichtslos wird, dass das Ende des Tunnels näher und heller wird und nicht wie es leider manchmal ist, entfernter und zugenagelt.

Vielleicht mach ich das irgendwann. Ich weiss nicht wo, ich weiss nicht wie und auch nicht wann.

Panorama

Es gäbe ein riesiges Panorama zu bestaunen, aber so oft gehen wir mit Scheuklappen durch die Welt und sehen nur einen klitzekleinen Teil von alldem, was es noch zu bestaunen gäbe.

Das mit dem Weitblick ist etwas, das habe ich damals schon ganz früh in meiner Ausbildung zur Sozialpädagogin gelernt. In schwierigen Situationen bei der Arbeit oder wo auch immer, denn das ist ja nicht nur in beruflichen Situationen anzuwenden, lohnt es sich sooo oft, ein paar Schritte zurück zu machen und nochmal in Ruhe hinzuschauen.
Man sieht von dort aus einfach mehr, als wenn man direkt vor einem Objekt steht. Man stelle es sich so vor, als sähe man zB nur braun und nichts anderes und würde werweissen, was das wohl sei und erst, wenn man zwei, drei Schritte zurück ginge, sähe man, dass das ein Brett ist, das man vor dem Kopf hat.

Mit ein wenig Distanz betrachtet sieht so manches anders aus und ist längst nicht mehr so heiss, dass man sich daran verbrennen könnte. Eine gewisse Distanz ist gesund und ermöglicht einem einen ganz andern Blick auf die Dinge. Sie ermöglicht einem durchzuatmen, sich die nötige Zeit zu nehmen, um etwas genauer betrachten zu können. Und noch viel besser klappt das, wenn man sich das Objekt von verschiedenen Seiten aus anschaut. So wird es einem möglich(er), Hintergründe und Zusammenhänge besser zu erkennen.
Je grösser das Blickfeld, desto grösser ist vermutlich auch die Objektivität, wobei man sich bewusst sein muss, dass wir die Dinge immer subjektiv wahrnehmen. Wir sehen das, was wir sehen wollen oder können und wir verstehen auch das, was wir verstehen können. So ist es eine Tatsache, dass wir nicht nur durch unser Blickfeld, sondern sicherlich auch durch unsere Bildung und die individuellen kognitiven Ressourcen manche Dinge nur beschränkt verstehen können.

Es gibt Situationen im Leben, da wird man kopfvoran hinein gerissen von andern oder auch einfach von den Umständen, vom Sog der Emotionen und vom Tempo der sich überschlagenden Ereignisse. Das kann super-schön sein, wie zB wenn man sich verliebt oder in andern wunderbaren Momenten im Leben. Da stürzt man sich am liebsten gleich mit Haut und Haaren hinein, gibt sich hin, geniesst, fühlt nur noch und will mass-los übertreiben, sieht nur noch das eine und nichts anderes mehr.
Das kann aber auch super-schwierig sein, zB bei Themen, die uns belasten und plagen. Oder wie oben erwähnt, bei Dingen, bei denen wir einseitig und verbohrt werden, nichts anderes mehr sehen. Wie hilfreich wäre es in solchen Situationen, einen Schritt zurück machen zu können, nachdem ein Thema uns total eingenommen hat? Wieder durchatmen, sich von einer Obsession lösen und mal links und rechts schauen, was es dort noch zu sehen gäbe, statt mit dem Blick nach unten nur noch der schwarzen Linie auf dem Boden zu folgen?

Es ist nie nur schwarz.
Es ist auch nie nur weiss.
Ich glaube, wenn man das nicht mehr erkennt, ist es ganz dringend notwendig, sich wieder mal neu zu orientieren und seinen Horizont für all die Farben des Lebens zu öffnen.

Viel Freude beim Anblick des Panoramas.



Foto: Luzern, Blick von der Seebrücke über den See (Februar 2016)

Ich könnte übers Impfen schreiben, wenn ich wollte…

Ich könnte jetzt übers Impfen schreiben und darüber, wie Meinungen sich radikalisieren, aber es ist mir zu blöde. Ich glaube, dass sehr viele Menschen Meinungen zu diesem momentan aktuellen Thema haben, die relativ wenig von dieser Materie verstehen. Oder grad gar nichts, wenn man ehrlich ist. Schlussendlich bedeuten weder „meinen“ noch „glauben“ WISSEN. Ich nehme mich da nicht raus, ich weiss auch nichts darüber, denn ich habe weder Mikrobiologie noch Virologie studiert.

Ich weiss ganz schön viel in meinem Fachgebiet. Da bin ICH eine Expertin und da muss mir keiner dreinreden, egal ob er Virologe, Bundesrat oder selbsternannter Sozialpädagogik-Experte ist. Diskutieren kann man immer, klar, aber das ist dann auf einer sehr unausgeglichenen Ebene. Das geht dann eigentlich besser mit Menschen, die von diesem Themengebiet auch etwas verstehen. Dennoch können solche Diskussionen recht interessant sein und man kann davon profitieren. So geht es mir ja auch in Diskussionen über andere Themen. Etwas, das informativ ist, ist auch interessant. Etwas, das zum Denken anregt, ist inspirierend und wird dazu beitragen, unseren Horizont zu erweitern.

Mein Themengebiet ist jetzt ja nicht soooo komplex wie zB das eines Virologen. Wenn ich jemandem etwas erkläre, dann verstehen die das vermutlich einigermassen. Vielleicht haben sie eine andere Ansicht und das ist okay, denn es gibt verschiedene Wege, etwas anzugehen oder zu handeln. Wenn ich aber einen bestimmten Weg einschlage, hat dies auch einen Grund, denn ich verfüge nicht nur über Erfahrung, sondern auch über das notwendige Wissen auf diesem Gebiet. Ich kann meine Schritte ganz genau begründen.
Oberflächlich gesehen wissen viele ein bisschen Bescheid, schliesslich geht es ganz oft um zwischenmenschliche Dinge und um menschliches Verhalten. Tiefer greifend gesehen, weiss ich aber sehr viel mehr über Pädagogik, Sozialpädagogik, Psychologie und Psychopathologie, was andere nicht wissen. Wäre ja auch doof, wenn ich da keinen grösseren Wissenstand hätte, habe ich das alles doch jahrelang studiert und noch viel länger auf diesem Job gearbeitet.
So muss ich sagen, finde ich es auch nur so semi geil, wenn irgendwelche Menschen meinen, sie wüssten ganz genau Bescheid. Ich gehe davon aus, es geht euch da ganz ähnlich. Jeder ist in seinem Job ja die Expertin oder der Experte und weiss da einfach ganz genau, wovon er spricht. Sollte zumindest.
Ich finde eigentlich auch gar nicht, dass alle alles wissen müssen oder sollen. Und ich finde es viel ehrlicher, zu sagen, dass man nichts davon weiss oder nicht so viel und auch nicht den Anspruch an sich hat, dies zu müssen.

All die Menschen, die versuchen, uns durch diese Pandemie zu führen, haben dieses Fachwissen ja und auch die Erfahrung. Es wird wohl einen Grund geben, warum sie genau in diesen Jobs sind. Ihr Fachgebiet ist um einiges komplizierter und komplexer als meines. Diese Menschen versuchen nun seit 1,5 Jahren, uns recht komplizierte Dinge in einer möglichst einfachen Sprache zu erklären und es gibt Menschen, die ihnen das nicht glauben, aus welchen Gründen auch immer.

Für mich erscheint vieles recht logisch und ich mache mir meine Gedanken dazu. Ob ich mit allen Massnahmen einverstanden bin und ob sie für mich Sinn machen, kann ich nicht so richtig beurteilen, ich sehe das ja nur aus meiner Sicht und nicht ganzheitlich und objektiv, wie das sein sollte. Ich glaube, schlussendlich gehen wir alle am Ende von unseren eigenen Bedürfnissen aus. Die Massnahmen finden wir genau dort Scheisse, wo sie uns einschränken. Dort, wo es uns egal ist und wo sie andere einschränken, ist es für uns einfacher, sie zu akzeptieren. Das muss man aber unterscheiden. Ob einem etwas gefällt oder nicht oder ob etwas Sinn macht und zum Erfolg führt, das sind zwei total verschiedene Schuhe.

Wenn ich keine Fachperson auf einem Gebiet bin, dann vertraue ich denen, die das sind. Normal. Alle tun das. EIGENTLICH.
Sich an Fachpersonal zu halten, hat sich – zumindest für mich – schon immer bewährt. Wenn ein Gerät in der Wohnung defekt ist, verfüge ich nicht über das Wissen, was genau fehlt und wie es repariert werden muss. Ich überlasse dies einem Fachmann.
Wenn ich krank bin, lasse ich mich von einem Arzt untersuchen und gegebenenfalls behandeln. Es käme mir nie in den Sinn, dafür die Meinung zB eines Komikers und sei er auch noch so berühmt, einzuholen.
Bei Problemen mit meinem Auto frage ich gerne einen Automechaniker um Rat und wenn eines meiner Meerschweinchen krank ist, dann gehe ich mit ihm zur Tierärztin.
Ich könnte auch gut im Internet, zB bei Facebook fragen, was mir wohl fehlen könnte, wenn ich Kopfschmerzen und gleichzeitig den Krampf in der rechten Wade und Verstopfung habe und ganz bestimmt würden ganz viele Menschen ihren Kommentar, ihre Meinung, ihre Diagnose drunter schreiben. Natürlich auch gleich mit vielen Ratschlägen, was zu tun sei. Bestimmt wären auch einige dabei, die schrieben, sie seien Arzt oder hätten diese Symptome auch schon gehabt. (Früher hat man gesagt, „Papier nimmt alles an“. Und im Internet kann jeder ein Arzt sein oder was auch immer er sein möchte. Jede kann schreiben oder erzählen, was sie will und was daran wahr, ist, weiss man nie so genau.) Einige würden mich auslachen und irgendeine Scheisse in die Kommentarspalte rotzen. Und irgendeiner würde mir im Messenger schreiben, ich sei hübsch und er horny. Wenn ich Pech hätte, sogar mit Beweisfoto.
Ja, so läuft das. Egal, welches Thema aufkommt, es gibt zahlreiche Experten bzw. solche, die sich als Experten sehen. Experten zu egal welchem Thema. Zu jedem eigentlich. Sei es Corona, seien es die Impfungen, die Vorgehensweise, die Massnahmen, sei es Afghanistan oder Rassismus, Feminismus, Nagetierhaltung, Tierschutz, Erziehung und was auch immer.

Besonders interessant finde ich auch, dass plötzlich der Anspruch besteht, ganz genau wissen zu wollen, welche Inhaltsstoffe diese Impfung hat. Es ist wohl davon auszugehen, dass diese Personen auch ganz genau die Inhaltsstoffe ihrer Schmerztablette, der Antibabypille und des Hustensaftes kennen, den sie ihrem Kind geben, wenn es krank ist. Oder Coca Cola, Mars, die Fertigpizza, Sonnencreme, Kaugummi oder Schokoladenpudding aus dem Kühlregal.
Ich nicht.

Ich habe oft darüber geschrieben, wie gefährlich und ungesund ich es finde, wenn Menschen sich radikalisieren. Das geschieht momentan sehr oft, finde ich. Es sind schwierige Zeiten. Millionen von Menschen müssten am selben Strick ziehen, um dieses Problem zu lösen. Dass das nicht klappt, kommt ja auch nicht überraschend, denn das ist ein riesiges Ausmass. Meistens klappt das ja nicht mal im Kleinen. In einer Familie, einer Firma, einer Nachbarschaft…

Ich finde, es geht um Verantwortung. Für mich jedenfalls Es geht nicht darum, sich impfen zu lassen oder es nicht zu tun. Es geht darum, sich für etwas zu entscheiden und dann halt auch dahinter zu stehen.
Hinter etwas – oder in diesem Fall hinter dieser Entscheidung – zu stehen bedeutet für mich, die Konsequenzen zu tragen.
Ich zB bin geimpft. Ich habe mich nicht impfen lassen, weil ich dumm bin und den andern Schafen hinterher springe, nein. Aber ich muss mir das immer wieder mal anhören. Ich bin ja der Meinung, dass man genau dann beginnt, andere zu beleidigen und respektlos zu behandeln, wenn man überfordert ist und einem die Argumente ausgegangen sind. Das gehört für mich unter anderem zum zu sich und zu seiner Entscheidung stehen. Das tut man, indem man wenn nötig begründet (ich finde es nicht mal nötig) und nicht, indem man die, die anders entschieden haben, runter macht.
Ich habe jedenfalls noch nie jemanden beleidigt, der nicht geimpft ist. Ich muss ehrlich sagen, ich bin nicht mal scharf drauf, darüber zu reden.

Mir ist es ganz ehrlich scheiss-egal, wer nicht impft und warum das so ist. Warum würde ich das wissen wollen? Was würde es mir bringen? Und würde ich dann diskutieren und versuchen, jemanden zum Impfen zu überreden? Nein. Und umgekehrt funktioniert das sowieso nicht. Was soll es bringen, mit mir über das Impfen zu diskutieren, zu versuchen es mir abspenstig zu machen? Soll ich meine Meinung ändern und diesen Impfstoff wieder aus mir raus pressen?
Also… es ist umsonst, man kann sich seine Nerven und die Geduld für etwas anderes sparen, das ist sinnvoller.

Betreffend Konsequenzen habe ich gewusst, dass ich danach nicht einfach „frei“ sein werde, denn es gilt nun, diejenigen zu schützen, die nicht geimpft sind. Ich trage weiterhin Maske und verhalte mich den Massnahmen entsprechend, nur nun halt nicht mehr nur für mich, sondern vor allem für andere und vor allen Dingen auch für die Kinder, die ja ungeschützt sind.
Andere Konsequenzen habe ich nicht.

Die Konsequenzen des Nicht-Impfens sind unter anderem, dass man einen schweren Krankheitsverlauf in Kauf nimmt. Passiert auch nicht extrem oft, aber kann passieren. Man hat ein viel grösseres Risiko, sich anzustecken als eine nicht geimpfte Person und trägt das Virus länger mit sich rum, ist also länger ansteckend. Leider ist es so, dass diesen Konsequenzen dann nicht nur die betroffene Person, sondern auch ihr Umfeld ausgesetzt ist. Und im schlimmsten Fall das überstrapazierte Gesundheitspersonal in den Krankenhäusern und dann möglicherweise auch andere Notfall-Patienten, die auf eine Behandlung warten müssen und möglicherweise sterben. Das kann dann jeden treffen. Ein Herzinfarkt, ein Unfall, ein Hirnschlag, Krebs, Komplikationen nach einer Operation usw…

All dies sind Konsequenzen, die ich persönlich nicht tragen will. Aus verschiedenen Gründen.

Offensichtlich habe ich nun also doch übers Impfen geschrieben…

Bleibt gesund und passt auf euch und aufeinander auf. Bisschen anständig miteinander umzugehen würde auch nichts schaden.



… und es wurden immer mehr.

Etwas vom Schönsten im Leben ist es vermutlich,
dass es Menschen gibt,
die einen Teil des Weges mit uns gehen
,
egal welchen.

Ich staune immer wieder,
wie viele Menschen das, was ich hier immer so schreibe,
anklicken und vermutlich auch lesen.
Am Anfang habe ich hier Texte geschrieben,
die wahrscheinlich nur ich selbst gelesen habe,
aber dann kam der eine oder die andere dazu
und es wurden immer mehr.

Darüber freue ich mich wirklich sehr.

Danke!

Wir werden geboren…

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Wir werden geboren, posten 6548 Fotos auf Instagram und…

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Wir werden geboren, realisieren irgendwann, dass wir nun alt sind und…

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Wir werden geboren, sparen unser ganzes Leben lang, um dann zu…

Wir werden geboren, streiten uns, vergessen warum und bereuen alles, wenn wir…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel, sind gestresst und verlieren die Nerven und…

Wir werden geboren, fühlen uns unfair behandelt und eingeschränkt und…

Wir werden geboren, wollen hoch hinaus und mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben, bis wir sterben…

Wir werden geboren, finden die Liebe und Freunde, um sie irgendwann trauernd zurück zu lassen / zurück gelassen zu werden und…

Wir werden geboren, sammeln allerlei, entsorgen alles wieder und…

Wir werden geboren, trinken zuviel Kaffee und…

Wir werden geboren, verbringen unser Leben und Aufräumen und Putzen und…

Wir werden geboren, lassen andere im Stich, werden allein gelassen und sterben…

Wir werden geboren, schauen Netflix-Serien, könnten die allerletzte nicht zu Ende gucken und…

Wir werden geboren, leben forever back in the 80s und…

Wir werden geboren, suchen unser ganzes Leben lang, um gefunden zu werden und…

Wir werden geboren, klagen im Winter über die Kälte und im Sommer über die Hitze und…

Wir werden geboren, suchen überall WLAN und…

Wir werden geboren, machen Erinnerungen und bleiben so am Ende noch ein wenig hier, wenn wir…

Wir werden geboren, wundern uns und…

Wir werden geboren, sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht und…

Wir werden geboren, finden unser eigenes Schicksal das härteste und…

Wir werden geboren, sind mit uns unzufrieden und…

Wir werden geboren, nörgeln rum und…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel und…

…sterben

Oder wir werden geboren,
gestalten unser Leben selbst,
sind so oft es geht, glücklich,
fokussieren uns auf das Schöne,
lösen Probleme und steigen über Steine,
bauen keine Mauern, sondern einander auf,
kreieren allerlei,
finden andere Ansichten interessant,
helfen einander,
hinterlassen leuchtende Spuren in andern Herzen

und sterben irgendwann.

Letzte Begegnungen

Es vergeht ja eigentlich kaum ein Tag ohne Begegnungen. Flüchtige, zufällige, vereinbarte, solche auf die wir uns freuen und solche, die uns unangenehm sind, neue, bekannte, gemochte und geliebte Menschen. Wir teilen mit ihnen Augenblicke. Manchmal nur ein Blick oder nicht mal das, manchmal ein paar Worte, manchmal tiefe Gespräche. Manchmal gemeinsame Erlebnisse, Ereignisse, Geschehnisse. Manchmal Berührungen. Körperliche, seelische.
Angenehme, schöne oder nicht, je nachdem.

Ich habe heute die Nachricht erhalten, dass jemand, den ich kenne, gestern gestorben ist. Viel, viel zu jung und viel, viel zu schnell. Er wurde von einer kurzen, aber ganz schlimmen Krankheit erlöst und auch von ganz grossem Leiden. Diese Erlösung gönne ich ihm sehr und um ehrlich zu sein, ich habe sie ihm tatsächlich auch gewünscht.
Ein Teil des Leidens ist nun vorüber. SEIN Teil.
Ich glaube, ein Teil des Leidens ist auch für die Angehörigen vorbei. Das Ungewisse, die Angst, das Hoffen, aber auch das schreckliche Wissen, dass es gar nichts zu hoffen gibt. Die Hilflosigkeit, zuschauen zu müssen, wie er sehr schnell sterbenskrank wurde. Das Leiden zu sehen und nichts tun zu können. Die Angst vor dem Moment, wenn dieses Leben zu Ende geht. Das ist jetzt vorbei.
Und ein anderer Teil des Leidens kommt jetzt. Die Trauer und auch das Vermissen. Kinder, die damit umgehen müssen, dass ihr Papi gestorben ist. Eltern, die ihren Sohn verloren haben. Eine Familie und Freunde, die den Verlust eines aufgestellten, fröhlichen Mannes, der viele Ideen und Visionen hatte, verzeichnen müssen.
Ich bin sehr mit den Gedanken bei dieser Familie und bei Menschen, von denen ich weiss, dass sie ihn besonders gern hatten und für ihn da waren in den letzten schweren Monaten.

Vor ein paar Tagen habe ich etwas Schönes gelesen:

Everyone in your life
will have a last day with you
and don’t even know when it will be.


(Ich habe nach der Quelle dieser Aussage gesucht und leider nicht gefunden.)

Eigentlich macht mich das auch nachdenklich. Wir haben mit jedem, den wir kennen, einen letzten Tag, einen letzten Moment.
Eine letzte Begegnung.
Ohne zu wissen, dass es die letzte ist. Nichts ahnend über die Besonderheit und über die versteckte Traurigkeit dieses Momentes.

Ich erinnere mich auch nach all den Jahren 1:1 an das Letzte, was ich zu meinen Eltern gesagt habe und auch an das, was sie zu mir gesagt haben.
Bei meiner Mutter wusste ich, dass sie gleich sterben wird und ich bin froh darüber, dass ich das gesagt habe, was ich gesagt habe, auch wenn es für mich die schlimmsten Worte meines Lebens waren.
Bei meinem Vater kam der Tod trotz Krebserkrankung dann doch plötzlich und unerwartet schnell, so dass ich das bei unserer letzten Begegnung nicht wusste. Ich ging für ihn einkaufen und war ein bisschen gestresst, jedenfalls wurde ich geblitzt und bekam eine Geschwindigkeitsbusse, die mein Papa dann für mich bezahlt hat. Ich habe diesen Bussenzettel immer noch, der hängt ziemlich verblichen an meiner Pinnwand. Das war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen habe. Am nächsten Morgen als ich kam, lag er tot im Bett.
Hätte ich es gewusst, wäre ich an diesem Tag etwas länger geblieben.
Und ich hätte Abschied genommen…

Als ich heute von meiner Freundin die traurige Nachricht erhalten habe, dass Bui gestorben ist, habe ich darüber nachgedacht, wann ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Er war mit einem gemeinsamen Freund vor zwei Jahren bei mir, um mit ihm zusammen mein neues Meerschweinchen-Gehege aufzubauen. Und ziemlich genau vor einem Jahr feierten wir zusammen die Erstkommunion unserer gleichaltrigen Kinder. Das war unsere letzte Begegnung.
Ich habe mich, nachdem ich von seiner Krankheit erfahren habe, noch hingesetzt und ihm eine Karte mit letzten Worten geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, noch irgendwas sagen zu wollen. Ich weiss, dass ihm die noch vorgelesen wurde im Krankenhaus und ich bin sehr froh darüber. (Danke)

Begegnungen…
Wir wissen eigentlich nie, ob es noch weitere geben wird oder ob genau diese nun die letzte ist.
Vielleicht werde ich mir in der nächsten Zeit dessen etwas mehr bewusst sein.
Freundlich zueinander sein und einander auch mal sagen, dass man sich gern hat oder was man aneinander mag. Konflikte und Streitigkeiten aus dem Weg schaffen.
Wer weiss, ob wir die Gelegenheit dazu noch bekommen, wenn wir es nicht jetzt tun…

Ich habe versucht, diesen Text ganz ohne Namen zu schreiben, aber irgendwie ging das für mich nicht. Eine Umschreibung war mir zu unpersönlich und zu distanziert und hörte sich einfach nicht richtig an. Ich hoffe, dass es okay ist, dass ich seinen Spitznamen, den er schon seit seiner Kindheit hatte, hier erwähnt habe.
Mein Beileid.





Verschwunden. Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Shamsia Hassani, Afghanistan


Afghanistan… die Machtübernahme der Taliban und die überaus schlimme Situation dort hat das Augenmerk der Medien und auch unseres in den letzten Tagen auf sich gelenkt. Die Menschen in Afghanistan sind in Gefahr und ganz besonders die Frauen.
Es ist ja nicht so, dass die Lage in diesem arg gebeutelten Land in den letzten Jahren / Jahrzehnten jemals wirklich gut war. Wir haben nur nicht mehr hingeschaut. Laut Amnesty International führt Afghanistan seit ewig die traurige Rangliste der gefährlichsten Länder der Welt für Frauen an oder befindet sich zumindest in den ganz vordesten Rängen. Diese Gefahr hat sich mit der Machtübernahme der Taliban nochmals dramatisch verschärft.

Ich habe in den letzten Tagen viel gehört und gelesen und die Situation dieser Frauen interessiert mich. Und nicht nur das. Es berührt mich zutiefst. Ich möchte nicht, dass Mädchen und Frauen so leben müssen. Alles, was ich für sie aber tun kann, ist mich darüber zu informieren und vielleicht andere auch darauf aufmerksam zu machen und ob das überhaupt etwas bringt, das bezweifle ich sogar. Dennoch ist hinschauen besser als wegschauen, eigentlich immer. Es ist unsere Welt, von uns gestaltet. Schauen wir hin, auch dort wo es uns nicht gefällt. Auch dort, wo es uns nicht betrifft.
Natürlich ist es mir auch bewusst, dass sich auch Männer in unmittelbarer Gefahr befinden. Man hat in den letzten Tagen ja bereits von Verfolgungen und Tötungen gehört. Dennoch ist die Situation der Männer eine andere und ich würde mich hier gerne auf die Frauen konzentrieren.

Die Taliban ist eine terroristische Organisation, die 1994 gegründet wurde und von 1996 bis 2001 erstmals grosse Teile Afghanistans beherrschte. Dann wurde ihre Regierung in einer Zusammenarbeit von afghanischen, amerikanischen und britischen Truppen gestürzt. Das war kurz nach den Terroranschlägen von 9/11.
Die Taliban verübten in den darauf folgenden Jahren (und schon vorher) immer wieder grössere Terroranschläge, vor allem in westlichen Ländern bzw. das sind die, von denen wir gehört haben, von denen unsere Medien uns berichtet haben. In Afghanistan fanden aber auch jährlich unendlich viele Terroranschläge durch die Taliban statt. Im Jahr 2020 habe ich zB 28 gezählt. In diesem Jahr bis jetzt auch bereits 15, bis es in dieser Woche schlussendlich zur Machtübernahme kam.
Ausgeübt wurden die Attentate sehr oft durch Selbstmordattentäter, oder mit Schusswaffen, Raketen, Bomben, Giftgas…
In den letzten 20 Jahren lebte das afghanische Volk also immer in unmittelbarer Gefahr eines Terroranschlages. Egal wo sie sich aufhielten, es konnte jederzeit passieren:

Eine Bombe im Abfallkübel beim Spielplatz.
Eine Rakete, die in die örtliche Mädchenschule einschlägt.
45 Tote im Einkaufszentrum.
23 Tote und 80 Verletzte bei einer Hochzeit, die Bombe befand sich in einem Pflanzentopf.
Auf dem Arbeitsweg, es war eine Autobombe.
Eine Bombe im Regierungs- oder im Polizeigebäude.
Ein Selbstmordattentäter im Zug, im Bus, im Bahnhof oder im Kino.
Im Briefkasten, wo man eine Geburtstagskarte einwerfen wollte, explodiert eine Bombe.
Auf dem Wochenmarkt sprengte sich neben dir ein Selbstmordattentäter in die Luft und nimmt dich und 4 andere Passanten mit in den Tod. Zahlreiche sind verletzt, einige davon schwer.
Bei der Hunderunde um den Block, erschiesst dich jemand aus einem Versteck im Dachstock des Nachbarshaus
es.

Und so weiter, und so weiter.

Die Feindbilder der Taliban sind, so könnte es man wohl kurz fassen, die sogenannten westlichen, modernen Werte und Lebensweisen, ihr Gesetz ist die Scharia. Die Gesetze der Scharia richten sich nach den rechtlichen Grundzügen des 8. und 9. Jahrhunderts (man stelle sich DAS vor!!) und und folgen den sozialen und politischen Interessen genau dieser Zeit. Also ein biiiiisschen veraltet… Wenn euch das näher interessiert – und es ist tatsächlich recht interessant – könnt ihr das ja selber nachlesen. Näher darauf einzugehen würde hier irgendwie den Rahmen sprengen und mich nur unnötig aufregen.

Wir schreiben heute nun also den 21. August 2021 und in Afghanistan übernahmen diese Woche Männer die Regierung, die irgendwo vor mehr als 2000 Jahren stecken geblieben sind, betreffend Wertvorstellungen, Rollenbildern und Umgang miteinander.
Die Menschen in Afghanistan kennen ein Leben, wie wir es haben, nicht. Einfach einigermassen friedlich, ohne Angst zu haben, das nächste geparkte Auto könnte explodieren oder eine Rakete könnte im Supermarkt, in dem ich gerade einkaufe, einschlagen. Terror, Angst, Gewalt und Tod ist an der Tagesordnung. Für alle und vor allem für Menschen, die ein moderneres Leben führen (möchten) oder / und sich dafür einsetzen.

Darunter auch ganz besonders die Frauen.

Frauen, die gebildet oder in Ausbildung sind. Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Frauen die berufstätig sind. Frauen, die eine Meinung haben und diese auch mitteilen. Frauen, die am Leben teilnehmen. Frauen, die man überall sieht. Auf den Spielplätzen mit ihren Kindern, im Krankenhaus als Ärztin, in der Bäckerei als Verkäuferin, in der Schule als Lehrerin, als Hausfrau, Mutter, als Journalistin, als Reinigungsfachkraft, als Betreuerin, als Pilotin usw. Mädchen, beim Spielen auf dem Pausenplatz, am Lachen mit den Freundinnen. Mädchen in Sport- oder Musikvereinen. Mädchen in Jeans und Shirts. Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und wehenden Haaren.
Normale Frauen und Mädchen, so wie wir es sind. Und ihre Familien, ihr Umfeld.

Diese Frauen und Mädchen werden verschwinden.
Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Seit 2001 und dem damaligen Ende des Taliban-Regimes haben sich die Frauen viele ihrer Rechte und Möglichkeiten zurück erkämpft, zurück erobert… UM. DIESE. NUN. WIEDER. ZU. VERLIEREN.

Ich habe gelesen, dass die Taliban das Volk auffordert, ihnen (unverheiratete) Mädchen und (ledige, verwitwete, geschiedene, alleinerziehende) Frauen ab 15 bis 40 Jahre sozusagen zur Verfügung zu stellen. Auszuliefern. Unter „auffordern“ versteht sich in diesem Fall ein Befehl und wer dem nicht Folge leistet, gefährdet sein Leben genauso wie es das dieser Mädchen eh ist, egal ob sie ausgeliefert werden oder nicht.

15… das erscheint uns sehr jung und das ist es auch, obwohl dieses „zur Verfügung stellen“ auch im Erwachsenenalter jeglichen ethischen und gesetzlichen Menschenrechten widerspricht, denn wehren kann sich da keine mehr wirklich. Ich denke auch nicht, dass es für diese Männer einen Unterschied macht, ob ein Mädchen 15, 11 , 13 oder 18 ist. Sie werden sich alles nehmen und zwar mit roher Gewalt.
Ich sage „werden“ und möchte aber sagen, dass das alles genau jetzt passiert. Es ist die Gegenwart.

Junge Mädchen und Frauen werden verschleppt, vergewaltigt und womöglich umgebracht. Sie sind Mittel zum Zweck (Kinder gebären vor allem, würde ich sagen) und total wertlos.
Und ganz ehrlich und ganz unzynisch denke ich, dass in dieser Situation der Tod womöglich nicht die schlechteste aller Situationen für diese Frauen ist. Ich hoffe, ihr wisst was ich meine…
Ich stelle mir unsäglich schlimme Szenen vor. Solche, wie ich sie mir gar nicht vorstellen möchte. Und ich glaube nicht mal, dass wir überhaupt in der Lage sind, uns auch nur ansatzweise vorzustellen, was dort alles passiert.

Frauen werden gebrochen und gefügig gemacht. Sie werden in ihre Schranken verwiesen. In Schranken, die wie oben erwähnt, vor mehr als 2000 Jahren errichtet wurden. Wer sich versteckt, weigert oder wehrt, wird vergewaltigt, wieder und wieder, von vielen, vielen Männern. Wird geschlagen, gefoltert und zwar solange, bis sie sich nicht mehr wehrt. Oder bis sie tot ist.

Sie werden ihre Berufe nicht mehr ausüben können, nicht mehr zur Schule gehen.
Frauen haben keine Rechte. Und ich spreche da von internationalen Menschenrechten. Von Dingen, die für uns ganz normal sind, wie zB so angezogen zu sein, wie man sich wohl fühlt, in der Bäckerei Brötchen zu kaufen, schreiben und lesen zu lernen, eigenes Geld zu verdienen und zu besitzen, „nein“ zu sagen, wenn man Sex oder sonst etwas nicht möchte, den Mann zu heiraten, den man liebt, ins Kino zu gehen, mit Freundinnen einen Kaffee trinken zu gehen oder sein Gesicht öffentlich zu zeigen.

Vielleicht male ich zu schwarz? Ich hoffe es.
Vermutlich aber ja leider nicht…

Ich habe in den letzten Tagen in den Medien auf den Bildern von all den flüchtenden Menschen in Kabul relativ wenig Frauen gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Frauen seit der Machtübernahme schon zu riskant ist, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten.

Beim Stöbern und Lesen im Internet sind mir die Graffitis und Bilder der afghanischen Künstlerin Shamsia Hassani (siehe erstes Bild) aufgefallen. Shamsia Hassani ist die erste Graffiti-Künstlerin Afghanistans und doziert an der Universität Kabul Zeichnen und Anatomisches Zeichnen.
Auf ihren Bildern malt sie Frauen, die genauso stark und kraftvoll wie zerbrechlich und verletzlich auf mich wirken. Situationen voller Hoffnung und Schönheit und gleichzeitig voller Hoffnungslosigkeit, Angst und Traurigkeit. Irgendwie wunderbar bunt und sehr düster und beängstigend zugleich. Ich finde sie sehr ausdrucksstark und wunderwunderschön.
Und irgendwie so passend zu den Ereignissen im August 2021 in Afghanistan.

Wenn es dich interessiert, schaue unter https://www.shamsiahassani.net
Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von ihr. Ich habe mir erlaubt, sie zu verwenden.