Wir werden geboren…

Wir werden geboren, versuchen allen Erwartungen gerecht zu werden und…

Wir werden geboren, suchen jeden Tag dreimal unsere Autoschlüssel und…

Wir werden geboren, verschlafen ein Drittel unseres Lebens und…

Wir werden geboren, verlieren im Verlaufe des Lebens unser Lachen immer mehr und…

Wir werden geboren, gebären 1,75 Kinder und freuen oder ärgern uns über die und…

Wir werden geboren, möchten ewig jung bleiben, aber dann doch möglichst alt…

Wir werden geboren, posten 6548 Fotos auf Instagram und…

Wir werden geboren, erkranken an Krebs und sind viel zu jung, wenn wir…

Wir werden geboren, realisieren irgendwann, dass wir nun alt sind und…

Wir werden geboren, sagen „schlafen kann ich wenn ich tot bin“ und…

Wir werden geboren, verbringen durchschnittlich 2,5 Jahre unserer Lebenszeit im Auto und…

Wir werden geboren, bilden uns aus und weiter, um unwissend zu…

Wir werden geboren, denken zu oft „halt die Fresse“ und…

Wir werden geboren, sorgen uns um Nichtigkeiten, die nie eintreffen und…

Wir werden geboren, versuchen aktiver zu werden und gleichzeitig zur Ruhe zu kommen und…

Wir werden geboren, verbringen Jahre in unglücklichen Beziehungen und realisieren es, wenn wir…

Wir werden geboren, wollen alles erleben und die ganze Welt sehen, vergessen wie schön unser Zuhause ist und…

Wir werden geboren, sparen unser ganzes Leben lang, um dann zu…

Wir werden geboren, streiten uns, vergessen warum und bereuen alles, wenn wir…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel, sind gestresst und verlieren die Nerven und…

Wir werden geboren, fühlen uns unfair behandelt und eingeschränkt und…

Wir werden geboren, wollen hoch hinaus und mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben, bis wir sterben…

Wir werden geboren, finden die Liebe und Freunde, um sie irgendwann trauernd zurück zu lassen / zurück gelassen zu werden und…

Wir werden geboren, sammeln allerlei, entsorgen alles wieder und…

Wir werden geboren, trinken zuviel Kaffee und…

Wir werden geboren, verbringen unser Leben und Aufräumen und Putzen und…

Wir werden geboren, lassen andere im Stich, werden allein gelassen und sterben…

Wir werden geboren, schauen Netflix-Serien, könnten die allerletzte nicht zu Ende gucken und…

Wir werden geboren, leben forever back in the 80s und…

Wir werden geboren, suchen unser ganzes Leben lang, um gefunden zu werden und…

Wir werden geboren, klagen im Winter über die Kälte und im Sommer über die Hitze und…

Wir werden geboren, suchen überall WLAN und…

Wir werden geboren, machen Erinnerungen und bleiben so am Ende noch ein wenig hier, wenn wir…

Wir werden geboren, wundern uns und…

Wir werden geboren, sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht und…

Wir werden geboren, finden unser eigenes Schicksal das härteste und…

Wir werden geboren, sind mit uns unzufrieden und…

Wir werden geboren, nörgeln rum und…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel und…

…sterben

Oder wir werden geboren,
gestalten unser Leben selbst,
sind so oft es geht, glücklich,
fokussieren uns auf das Schöne,
lösen Probleme und steigen über Steine,
bauen keine Mauern, sondern einander auf,
kreieren allerlei,
finden andere Ansichten interessant,
helfen einander,
hinterlassen leuchtende Spuren in andern Herzen

und sterben irgendwann.

Letzte Begegnungen

Es vergeht ja eigentlich kaum ein Tag ohne Begegnungen. Flüchtige, zufällige, vereinbarte, solche auf die wir uns freuen und solche, die uns unangenehm sind, neue, bekannte, gemochte und geliebte Menschen. Wir teilen mit ihnen Augenblicke. Manchmal nur ein Blick oder nicht mal das, manchmal ein paar Worte, manchmal tiefe Gespräche. Manchmal gemeinsame Erlebnisse, Ereignisse, Geschehnisse. Manchmal Berührungen. Körperliche, seelische.
Angenehme, schöne oder nicht, je nachdem.

Ich habe heute die Nachricht erhalten, dass jemand, den ich kenne, gestern gestorben ist. Viel, viel zu jung und viel, viel zu schnell. Er wurde von einer kurzen, aber ganz schlimmen Krankheit erlöst und auch von ganz grossem Leiden. Diese Erlösung gönne ich ihm sehr und um ehrlich zu sein, ich habe sie ihm tatsächlich auch gewünscht.
Ein Teil des Leidens ist nun vorüber. SEIN Teil.
Ich glaube, ein Teil des Leidens ist auch für die Angehörigen vorbei. Das Ungewisse, die Angst, das Hoffen, aber auch das schreckliche Wissen, dass es gar nichts zu hoffen gibt. Die Hilflosigkeit, zuschauen zu müssen, wie er sehr schnell sterbenskrank wurde. Das Leiden zu sehen und nichts tun zu können. Die Angst vor dem Moment, wenn dieses Leben zu Ende geht. Das ist jetzt vorbei.
Und ein anderer Teil des Leidens kommt jetzt. Die Trauer und auch das Vermissen. Kinder, die damit umgehen müssen, dass ihr Papi gestorben ist. Eltern, die ihren Sohn verloren haben. Eine Familie und Freunde, die den Verlust eines aufgestellten, fröhlichen Mannes, der viele Ideen und Visionen hatte, verzeichnen müssen.
Ich bin sehr mit den Gedanken bei dieser Familie und bei Menschen, von denen ich weiss, dass sie ihn besonders gern hatten und für ihn da waren in den letzten schweren Monaten.

Vor ein paar Tagen habe ich etwas Schönes gelesen:

Everyone in your life
will have a last day with you
and don’t even know when it will be.


(Ich habe nach der Quelle dieser Aussage gesucht und leider nicht gefunden.)

Eigentlich macht mich das auch nachdenklich. Wir haben mit jedem, den wir kennen, einen letzten Tag, einen letzten Moment.
Eine letzte Begegnung.
Ohne zu wissen, dass es die letzte ist. Nichts ahnend über die Besonderheit und über die versteckte Traurigkeit dieses Momentes.

Ich erinnere mich auch nach all den Jahren 1:1 an das Letzte, was ich zu meinen Eltern gesagt habe und auch an das, was sie zu mir gesagt haben.
Bei meiner Mutter wusste ich, dass sie gleich sterben wird und ich bin froh darüber, dass ich das gesagt habe, was ich gesagt habe, auch wenn es für mich die schlimmsten Worte meines Lebens waren.
Bei meinem Vater kam der Tod trotz Krebserkrankung dann doch plötzlich und unerwartet schnell, so dass ich das bei unserer letzten Begegnung nicht wusste. Ich ging für ihn einkaufen und war ein bisschen gestresst, jedenfalls wurde ich geblitzt und bekam eine Geschwindigkeitsbusse, die mein Papa dann für mich bezahlt hat. Ich habe diesen Bussenzettel immer noch, der hängt ziemlich verblichen an meiner Pinnwand. Das war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen habe. Am nächsten Morgen als ich kam, lag er tot im Bett.
Hätte ich es gewusst, wäre ich an diesem Tag etwas länger geblieben.
Und ich hätte Abschied genommen…

Als ich heute von meiner Freundin die traurige Nachricht erhalten habe, dass Bui gestorben ist, habe ich darüber nachgedacht, wann ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Er war mit einem gemeinsamen Freund vor zwei Jahren bei mir, um mit ihm zusammen mein neues Meerschweinchen-Gehege aufzubauen. Und ziemlich genau vor einem Jahr feierten wir zusammen die Erstkommunion unserer gleichaltrigen Kinder. Das war unsere letzte Begegnung.
Ich habe mich, nachdem ich von seiner Krankheit erfahren habe, noch hingesetzt und ihm eine Karte mit letzten Worten geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, noch irgendwas sagen zu wollen. Ich weiss, dass ihm die noch vorgelesen wurde im Krankenhaus und ich bin sehr froh darüber. (Danke)

Begegnungen…
Wir wissen eigentlich nie, ob es noch weitere geben wird oder ob genau diese nun die letzte ist.
Vielleicht werde ich mir in der nächsten Zeit dessen etwas mehr bewusst sein.
Freundlich zueinander sein und einander auch mal sagen, dass man sich gern hat oder was man aneinander mag. Konflikte und Streitigkeiten aus dem Weg schaffen.
Wer weiss, ob wir die Gelegenheit dazu noch bekommen, wenn wir es nicht jetzt tun…

Ich habe versucht, diesen Text ganz ohne Namen zu schreiben, aber irgendwie ging das für mich nicht. Eine Umschreibung war mir zu unpersönlich und zu distanziert und hörte sich einfach nicht richtig an. Ich hoffe, dass es okay ist, dass ich seinen Spitznamen, den er schon seit seiner Kindheit hatte, hier erwähnt habe.
Mein Beileid.





Verschwunden. Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Shamsia Hassani, Afghanistan


Afghanistan… die Machtübernahme der Taliban und die überaus schlimme Situation dort hat das Augenmerk der Medien und auch unseres in den letzten Tagen auf sich gelenkt. Die Menschen in Afghanistan sind in Gefahr und ganz besonders die Frauen.
Es ist ja nicht so, dass die Lage in diesem arg gebeutelten Land in den letzten Jahren / Jahrzehnten jemals wirklich gut war. Wir haben nur nicht mehr hingeschaut. Laut Amnesty International führt Afghanistan seit ewig die traurige Rangliste der gefährlichsten Länder der Welt für Frauen an oder befindet sich zumindest in den ganz vordesten Rängen. Diese Gefahr hat sich mit der Machtübernahme der Taliban nochmals dramatisch verschärft.

Ich habe in den letzten Tagen viel gehört und gelesen und die Situation dieser Frauen interessiert mich. Und nicht nur das. Es berührt mich zutiefst. Ich möchte nicht, dass Mädchen und Frauen so leben müssen. Alles, was ich für sie aber tun kann, ist mich darüber zu informieren und vielleicht andere auch darauf aufmerksam zu machen und ob das überhaupt etwas bringt, das bezweifle ich sogar. Dennoch ist hinschauen besser als wegschauen, eigentlich immer. Es ist unsere Welt, von uns gestaltet. Schauen wir hin, auch dort wo es uns nicht gefällt. Auch dort, wo es uns nicht betrifft.
Natürlich ist es mir auch bewusst, dass sich auch Männer in unmittelbarer Gefahr befinden. Man hat in den letzten Tagen ja bereits von Verfolgungen und Tötungen gehört. Dennoch ist die Situation der Männer eine andere und ich würde mich hier gerne auf die Frauen konzentrieren.

Die Taliban ist eine terroristische Organisation, die 1994 gegründet wurde und von 1996 bis 2001 erstmals grosse Teile Afghanistans beherrschte. Dann wurde ihre Regierung in einer Zusammenarbeit von afghanischen, amerikanischen und britischen Truppen gestürzt. Das war kurz nach den Terroranschlägen von 9/11.
Die Taliban verübten in den darauf folgenden Jahren (und schon vorher) immer wieder grössere Terroranschläge, vor allem in westlichen Ländern bzw. das sind die, von denen wir gehört haben, von denen unsere Medien uns berichtet haben. In Afghanistan fanden aber auch jährlich unendlich viele Terroranschläge durch die Taliban statt. Im Jahr 2020 habe ich zB 28 gezählt. In diesem Jahr bis jetzt auch bereits 15, bis es in dieser Woche schlussendlich zur Machtübernahme kam.
Ausgeübt wurden die Attentate sehr oft durch Selbstmordattentäter, oder mit Schusswaffen, Raketen, Bomben, Giftgas…
In den letzten 20 Jahren lebte das afghanische Volk also immer in unmittelbarer Gefahr eines Terroranschlages. Egal wo sie sich aufhielten, es konnte jederzeit passieren:

Eine Bombe im Abfallkübel beim Spielplatz.
Eine Rakete, die in die örtliche Mädchenschule einschlägt.
45 Tote im Einkaufszentrum.
23 Tote und 80 Verletzte bei einer Hochzeit, die Bombe befand sich in einem Pflanzentopf.
Auf dem Arbeitsweg, es war eine Autobombe.
Eine Bombe im Regierungs- oder im Polizeigebäude.
Ein Selbstmordattentäter im Zug, im Bus, im Bahnhof oder im Kino.
Im Briefkasten, wo man eine Geburtstagskarte einwerfen wollte, explodiert eine Bombe.
Auf dem Wochenmarkt sprengte sich neben dir ein Selbstmordattentäter in die Luft und nimmt dich und 4 andere Passanten mit in den Tod. Zahlreiche sind verletzt, einige davon schwer.
Bei der Hunderunde um den Block, erschiesst dich jemand aus einem Versteck im Dachstock des Nachbarshaus
es.

Und so weiter, und so weiter.

Die Feindbilder der Taliban sind, so könnte es man wohl kurz fassen, die sogenannten westlichen, modernen Werte und Lebensweisen, ihr Gesetz ist die Scharia. Die Gesetze der Scharia richten sich nach den rechtlichen Grundzügen des 8. und 9. Jahrhunderts (man stelle sich DAS vor!!) und und folgen den sozialen und politischen Interessen genau dieser Zeit. Also ein biiiiisschen veraltet… Wenn euch das näher interessiert – und es ist tatsächlich recht interessant – könnt ihr das ja selber nachlesen. Näher darauf einzugehen würde hier irgendwie den Rahmen sprengen und mich nur unnötig aufregen.

Wir schreiben heute nun also den 21. August 2021 und in Afghanistan übernahmen diese Woche Männer die Regierung, die irgendwo vor mehr als 2000 Jahren stecken geblieben sind, betreffend Wertvorstellungen, Rollenbildern und Umgang miteinander.
Die Menschen in Afghanistan kennen ein Leben, wie wir es haben, nicht. Einfach einigermassen friedlich, ohne Angst zu haben, das nächste geparkte Auto könnte explodieren oder eine Rakete könnte im Supermarkt, in dem ich gerade einkaufe, einschlagen. Terror, Angst, Gewalt und Tod ist an der Tagesordnung. Für alle und vor allem für Menschen, die ein moderneres Leben führen (möchten) oder / und sich dafür einsetzen.

Darunter auch ganz besonders die Frauen.

Frauen, die gebildet oder in Ausbildung sind. Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Frauen die berufstätig sind. Frauen, die eine Meinung haben und diese auch mitteilen. Frauen, die am Leben teilnehmen. Frauen, die man überall sieht. Auf den Spielplätzen mit ihren Kindern, im Krankenhaus als Ärztin, in der Bäckerei als Verkäuferin, in der Schule als Lehrerin, als Hausfrau, Mutter, als Journalistin, als Reinigungsfachkraft, als Betreuerin, als Pilotin usw. Mädchen, beim Spielen auf dem Pausenplatz, am Lachen mit den Freundinnen. Mädchen in Sport- oder Musikvereinen. Mädchen in Jeans und Shirts. Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und wehenden Haaren.
Normale Frauen und Mädchen, so wie wir es sind. Und ihre Familien, ihr Umfeld.

Diese Frauen und Mädchen werden verschwinden.
Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Seit 2001 und dem damaligen Ende des Taliban-Regimes haben sich die Frauen viele ihrer Rechte und Möglichkeiten zurück erkämpft, zurück erobert… UM. DIESE. NUN. WIEDER. ZU. VERLIEREN.

Ich habe gelesen, dass die Taliban das Volk auffordert, ihnen (unverheiratete) Mädchen und (ledige, verwitwete, geschiedene, alleinerziehende) Frauen ab 15 bis 40 Jahre sozusagen zur Verfügung zu stellen. Auszuliefern. Unter „auffordern“ versteht sich in diesem Fall ein Befehl und wer dem nicht Folge leistet, gefährdet sein Leben genauso wie es das dieser Mädchen eh ist, egal ob sie ausgeliefert werden oder nicht.

15… das erscheint uns sehr jung und das ist es auch, obwohl dieses „zur Verfügung stellen“ auch im Erwachsenenalter jeglichen ethischen und gesetzlichen Menschenrechten widerspricht, denn wehren kann sich da keine mehr wirklich. Ich denke auch nicht, dass es für diese Männer einen Unterschied macht, ob ein Mädchen 15, 11 , 13 oder 18 ist. Sie werden sich alles nehmen und zwar mit roher Gewalt.
Ich sage „werden“ und möchte aber sagen, dass das alles genau jetzt passiert. Es ist die Gegenwart.

Junge Mädchen und Frauen werden verschleppt, vergewaltigt und womöglich umgebracht. Sie sind Mittel zum Zweck (Kinder gebären vor allem, würde ich sagen) und total wertlos.
Und ganz ehrlich und ganz unzynisch denke ich, dass in dieser Situation der Tod womöglich nicht die schlechteste aller Situationen für diese Frauen ist. Ich hoffe, ihr wisst was ich meine…
Ich stelle mir unsäglich schlimme Szenen vor. Solche, wie ich sie mir gar nicht vorstellen möchte. Und ich glaube nicht mal, dass wir überhaupt in der Lage sind, uns auch nur ansatzweise vorzustellen, was dort alles passiert.

Frauen werden gebrochen und gefügig gemacht. Sie werden in ihre Schranken verwiesen. In Schranken, die wie oben erwähnt, vor mehr als 2000 Jahren errichtet wurden. Wer sich versteckt, weigert oder wehrt, wird vergewaltigt, wieder und wieder, von vielen, vielen Männern. Wird geschlagen, gefoltert und zwar solange, bis sie sich nicht mehr wehrt. Oder bis sie tot ist.

Sie werden ihre Berufe nicht mehr ausüben können, nicht mehr zur Schule gehen.
Frauen haben keine Rechte. Und ich spreche da von internationalen Menschenrechten. Von Dingen, die für uns ganz normal sind, wie zB so angezogen zu sein, wie man sich wohl fühlt, in der Bäckerei Brötchen zu kaufen, schreiben und lesen zu lernen, eigenes Geld zu verdienen und zu besitzen, „nein“ zu sagen, wenn man Sex oder sonst etwas nicht möchte, den Mann zu heiraten, den man liebt, ins Kino zu gehen, mit Freundinnen einen Kaffee trinken zu gehen oder sein Gesicht öffentlich zu zeigen.

Vielleicht male ich zu schwarz? Ich hoffe es.
Vermutlich aber ja leider nicht…

Ich habe in den letzten Tagen in den Medien auf den Bildern von all den flüchtenden Menschen in Kabul relativ wenig Frauen gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Frauen seit der Machtübernahme schon zu riskant ist, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten.

Beim Stöbern und Lesen im Internet sind mir die Graffitis und Bilder der afghanischen Künstlerin Shamsia Hassani (siehe erstes Bild) aufgefallen. Shamsia Hassani ist die erste Graffiti-Künstlerin Afghanistans und doziert an der Universität Kabul Zeichnen und Anatomisches Zeichnen.
Auf ihren Bildern malt sie Frauen, die genauso stark und kraftvoll wie zerbrechlich und verletzlich auf mich wirken. Situationen voller Hoffnung und Schönheit und gleichzeitig voller Hoffnungslosigkeit, Angst und Traurigkeit. Irgendwie wunderbar bunt und sehr düster und beängstigend zugleich. Ich finde sie sehr ausdrucksstark und wunderwunderschön.
Und irgendwie so passend zu den Ereignissen im August 2021 in Afghanistan.

Wenn es dich interessiert, schaue unter https://www.shamsiahassani.net
Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von ihr. Ich habe mir erlaubt, sie zu verwenden.

Enthüllungen. Wie das WIRKLICH war…

Es gibt ja so vieles auf dieser Welt, was wir täglich sehen und wir denken zu wissen, was es ist und auch wofür. Aber tun wir das tatsächlich?

Gestern war zB eine riesige Hornisse in meinem Badzimmer.
In Wirklichkeit war das aber gar keine Hornisse, sondern ein Raumschiff mit einer Besatzung von winzig kleinen Ausserirdischen, die sich beim Auskundschaften wohl verirrt haben.
Ich habe sie dann aus dem Badzimmer-Fenster raus gelotst und sie haben mir aus ganz kleinen Fensterchen zum Dank freundlich zugewunken.

Letzte Woche war ich mit meiner Tochter, einer Freundin und ihrer Tochter auf einem Erlebnis-Bauernhof. Dort habe ich viele Blumen fotografiert, die – so wie ich finde – sehr schön wurden. Du siehst sie, eingebettet in diesen Text. Auf dem ersten Bild (oben) siehst du eine Biene auf einer Blume. Beim genaueren Betrachten ist mir aufgefallen, dass das gar keine Biene ist, sondern ein kleiner Bienen-Roboter. Aber täuschend echt, ganz ehrlich!! Ich glaube, die meisten hätten den Unterschied gar nicht bemerkt. Ich habe diese Situation dann etwas länger beobachtet und habe festgestellt, dass der Roboter mehrere Minuten auf dieser Blume sass und dass sie sich auf dieser Blume angedockt hat, um ihren Akku zu laden. Nichts mit Blütenstaub und so.

Mir haben an diesem Tag die Blumen auf dem unteren Bild besonders gut gefallen. Wenn ich mich nicht irre, sind das Purpurne Sonnenhüte, wie auch diejenige mit dem Bienen-Roboter vorhin. Sie haben eine recht grosse Blüte und fallen dank ihrer Farbe ziemlich auf. Jedenfalls hatte es da viele von denen.
Als ich da so stand, diese Blumen betrachtete und auf die andern wartete, die noch bei der Rutschbahn waren, fiel mir eine Frau auf, die irgendetwas machte im Blumenfeld. Ich sprach sie darauf an und sie erklärte mir, dass all diese Blumen mit Sensoren ausgestattet seien, die ganz genau unterscheiden könnten, ob eine echte Biene auf ihnen sässe oder ob es sich um einen Bienen-Roboter handeln würde. Die Sensoren nähmen verschiedene Daten der Roboterbienen auf und würden sie an eine Zentrale weiterleiten. Es geht da um Daten wie Akku-Stand, Akku-Verbrauche, Blütenstaub-Menge, usw.
Sie erklärte mir, dass es kaum noch richtige Bienen gäbe und schon vor längerer Zeit ganze Schwärme von Roboter-Bienen eingesetzt würden.
Für die echten Bienen, die sich auf diese speziellen Blumen setzen, wird von ihr ein spezielles Sekret abgesondert, das die Bienen nährt und kräftigt.

Wenn ich schon gerade von Blumen erzähle, komme ich gleich noch zu den Sonnenblumen, was ich ja auch besonders interessant finde. Ich habe immer gemeint, Sonnenblumen wären einfach da, damit wir uns daran erfreuen können, wie sie ihre wunderschönen, gelben Köpfe der Sonne entgegen strecken. Und natürlich noch, weil die Kerne gutes Vogel- und Nagerfutter sind und auch Sonnenblumenöl aus ihnen hergestellt werden kann.
In Wirklichkeit erfüllen sie aber vor allem folgende zwei Zwecke:
Zum einen reiben sie mit ganz kleinen Bürstchen an den Füsschen der Insekten, die auf ihnen Platz nehmen. Die Insekten empfinden das nach einem langem Flug als sehr angenehm, man könnte es mit einer Fussmassage vergleichen, also halten sie schön still und lassen es geschehen. Mit diesen Bürsten wird eigentlich der an ihren Beinchen klebende Blütenstaub abgestreift und gleitet im Innern der Sonnenblume, deren Kopf wie ein Trichter gestaltet ist, in eine Röhre im Stengel und so in den Boden und in grosse Blütenstaub-Tanks, um dort gesammelt zu werden. Von dort gelangen sie entweder zum Imker, der den Honig herstellt daraus oder wird den Roboterbienen mitgegeben zwecks Bestäubung.
Zum andern speichern die Sonnenblumen das Sonnenlicht in ihren grossen Köpfen, um es ebenfalls durch den Stiel in den Boden und ganz, ganz weit in die Erde hinein zu transportieren. Diese Wärme nutzen dann Tiere, die unter der Erde leben, um im Winter nicht zu erfrieren.

Es ist ja kein Geheimnis, dass uns mit der Corona-Impfung ein winziger Mikro-Chip unter die Haut transplantiert wurde. Das sollte eigentlich alles ganz heimlich und ohne unser Wissen ablaufen, aber ganz kluge Köpfe haben das tatsächlich sehr schnell vermutet und herausgefunden. Wissenschaftlich bewiesen wurde es zwar nie, aber hey, wofür sollte das gut sein, wenn man es auch so weiss?
In Wirklichkeit ist es genau so. ABER was niemand weiss ist, dass denen, die sich nicht impfen lassen möchten, genau der selbe Mikro-Chip eingepflanzt wird und zwar von darauf speziell abgerichteten Mücken. Was wie ein Mückenstich aussieht, ist natürlich auch einer, aber beim Stechen hat sie statt Blut gesaugt, ein Mitbringel da gelassen. So ein Mikro-Chip-Mückenstich unterscheidet sich in gar nichts von einem normalen, es könnte aber sein, dass er etwas stärker juckt oder sich ein wenig entzündet, genau wie die Impfstelle am Oberarm. Zufall? Nein, ganz bestimmt nicht.

Es gibt noch viele Geheimnisse aufzudecken. Fortsetzung folgt…

Was ich noch sagen wollte ist, dass ich Fantasie unglaublich wichtig finde. Es ist aber genau so wichtig, nie die Bodenhaftung zu verlieren, auch wenn es manchmal nur noch der kleine Zeh ist, der den Boden berührt.

von offenen Türen und Begegnungen

Ich bin Sozialpädagogin. Es ist mein Beruf, mit Menschen zu arbeiten und zwar mit Menschen, die in gewissen Bereichen Unterstützung benötigen, um in der von uns definierten und organisierten Gesellschaft besser zurecht zu kommen. Und genau dafür bin ich von meiner Arbeitsgeberin angestellt worden.
Die Sozialpädagogik / Betreuung ist wohl ein Beruf, über den man nicht so oft oder so ausführlich spricht. Zum einen, weil wir mit Menschen arbeiten, die trotz einiger Integrations- oder gar Inklusionsbemühungen verschiedener Seiten nach wie vor eher am Rand unserer Gesellschaft stehen. Sie werden oft nicht gesehen, wollen nicht gesehen werden – was beidseitig funktioniert – sie wollen ganz oft nicht so gern im Mittelpunkt stehen, bewegen sich gern in ihrer gewohnten Umgebung. Und die andern wollen sie oft nicht sehen. Übersehen kann man sie aber nicht immer bzw nicht alle, denn manchmal fallen sie auch ganz schön auf. Sie sehen manchmal anders aus, sie sprechen vielleicht anders oder bewegen sich anders fort. Und nicht selten verhalten sich auch anders als andere, die wir „normal“ nennen.
Zum andern unterstehen wir natürlich einer Schweigepflicht. Wir schützen damit unser Klientel.

In den vielen Jahren, in denen ich nun in diesem Beruf tätig bin, habe ich in verschiedenen Institutionen und mit ganz unterschiedlichem Klientel gearbeitet. Ich habe dementsprechend ganz viele verschiedene Menschen mit all ihren Geschichten, Schicksalen, Ressourcen und Schwierigkeiten kennen gelernt.
Und das nicht nur in meinem Beruf, sondern natürlich auch in meinem Privatleben, so wie wir alle es tun.

Ich finde, dass neben unseren ganz eigenen Erfahrungen und unserem Umgang mit unseren persönlichen Schicksalsschlägen, Erlebnissen, Höhen- und Tiefflügen Menschen uns am meisten prägen. Menschen, wie sie mit uns umgehen, wie sie uns begegnen und was sie uns von sich erzählen, wie sie uns an ihrem Leben teilhaben lassen.
Ich würde sagen, dass vor allem all dies mich genau an den Punkt gebracht hat, an dem ich jetzt stehe. Die Momente, in denen andere mich tiefer in ihr Leben blicken liessen, mit all den damit verbundenen Gefühlen und vielleicht vor allem auch mit den Abgründen, die das Leben manchmal beinhaltet. Dabei denke ich vor allem auch an Gespräche mit Freunden oder Bekannten, die gerade Schicksalsschläge erleben mussten, die ich oft als sehr tief und bereichernd erlebe.
Ich finde, in solchen Momenten geht es irgendwie um das Essentielle im Leben. In diesen Momenten ist man ganz tief verbunden, so fühle ich es zumindest.

Aber nicht nur diese Situationen haben mich geprägt, sondern auch ganz besonders die, in denen ich andere teilhaben liess bzw wenn sich jemand für mich und mein Leben interessiert(e). An meinem Alltag allgemein, das müssen gar nicht mal spezielle Themen sein.
Besonders in meiner Trauer und meinen Ängsten zB nach den Todesfällen meiner Eltern habe ich das aber stark erlebt. Ich kann mich auch nach Jahren noch sehr genau an einzelne Begegnungen, Reaktionen und Gespräche erinnern. Eigentlich sehr positiv. Diese Erinnerungen laufen nun immer parallel zu den traurigen ab und neutralisieren diese irgendwie. Gerade diese zwei Ereignisse und was sie mit sich zogen, waren sehr einschneidend für mich. Wirklich nichts Schönes. Und doch ist das, was davon bis jetzt geblieben ist, durchwegs positiv und zwar genau wegen solchen Begegnungen, die einen durch schwere Zeiten tragen.
Ich bin mir einfach sehr bewusst, dass all diese Erfahrungen, gute und weniger gute, Teil des Lebens sind. Sie liessen mich entwickeln und reifen und manchmal habe ich das Gefühl, auch ein bisschen altern. Auch das gehört dazu.

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht – und ich habe oft darüber geschrieben – wie wichtig es ist, sich mitzuteilen und sich für andere zu interessieren. Über Dinge zu sprechen, über die es schwierig ist zu sprechen. Denn nur so erfährt man, wem man gegenüber steht und nur so kann man verstehen oder es versuchen. Und nur so hat man die Chance, gehört und verstanden zu werden. Vor allem finde ich das Einander-Erzählen so wichtig, um einander zu zeigen, dass niemand allein ist mit einer Situation oder mit einer Schwierigkeit. All das gehört zum Leben und man muss sich nicht schämen. Man muss nicht so tun als ob nichts wäre. Nicht so tun, als wäre alles immer Friede, Freude, Eierkuchen, denn so ist das Leben oft nicht. Sich nicht allein fühlen mit etwas, was einen erdrückt und belastet, denn das ist ganz gefährlich.

Ich bin immer der Meinung, man soll sich auf das Gute fokussieren, seien es gute Menschen, gute Situationen oder unsere guten Fähigkeiten und Stärken – Ressourcen. Und doch finde ich, man darf auch den Rest sehen. Den Kopf in den Sand zu stecken oder wegzuschauen hat auch noch nie jemanden weiter gebracht.
Ich finde, es ist nicht einfach, über Dinge zu sprechen, die man als schwierig oder schwer empfindet. Man empfindet es als Schwäche, als Makel, als wunden Punkt, auf dem andere womöglich herumstochern könnten. Es ist nicht einfach, in einer Welt, die vorgibt, makellos, reich und schön zu sein, zu seinem Imperfektionismus zu stehen. Und doch ist es so wichtig, gerade weil alles andere nur Schein ist und ungesund für unsere Psyche.

Ich glaube, man spürt ganz gut, mit wem man worüber sprechen kann oder darf. Das muss und soll ja auch nicht jeder sein. Wenn jeder jemanden hat, mit dem er etwas teilt, dann ist keiner allein.

Irgendwann in den letzten Jahren habe ich mich dazu entschlossen, zu mir zu stehen. Nicht nur, aber auch zu meinem „neuen“ Leben als alleinerziehende Mutter. Ich will dazu stehen, dass nicht immer alles nur einfach ist, obwohl es mittlerweile gut klappt. Ich will dazu stehen, dass ich müde und oft überarbeitet bin und dass ich kaum Zeit für mich habe und eigentlich einigermassen arm bin, finanziell gesehen. Ich spreche da auch nicht mit jedem drüber, ich finde das muss ich nicht und das alles ist nur ein Aspekt meines Lebens, meiner Person und es gibt noch so viel anderes. Aber trotzdem ist das nun so und ich will nicht so tun, als könnte ich mir alles immer leisten, als wäre ich immer entspannt und erholt.
Schlussendlich ist das keine schwierige Situation, auch wenn ich sie manchmal als unangenehm empfinde. Es ist einfach eine Lebensform, die man halt meistens nicht unbedingt selbst wählt. Deswegen ist es vielleicht auch nicht nur immer einfach, sich darin zurecht zu finden.

Ich weiss, dass es Menschen gibt, die es als Jammern empfinden, wenn andere ihnen so etwas oder anderes erzählen. Oder sie empfinden es als nichtig und erwähnen, dass auch sie sich zB alleinerziehend fühlen, weil der Mann so viel arbeitet oder sich aus andern Gründen nicht kümmert usw. Es gibt Reaktionen, die darauf schliessen, dass sie einen nicht besonders ernst nehmen oder es halt einfach nicht nachvollziehen können. Das macht nichts. Man versteht nicht immer alles und damit muss man sich auch abfinden. Ich bin schlussendlich nicht darauf angewiesen, ob andere mich oder mein Empfinden verstehen. Es ist natürlich angenehmer, aber ändert eigentlich gar nichts an der Situation.

Ich habe mir vor ein paar Monaten vorgenommen, einen neuen Weg einzuschlagen, mich weniger wegen Dingen zu stressen, die ich nicht ändern kann, entspannter zu sein und mich einfach wieder mehr über mein Leben zu freuen. Ich habe mir vorgenommen, wenn sich mir eine Hand entgegenstreckt, sie zu zu nehmen, offene Türen zu sehen und einfach JA zu sagen, wenn mir das Leben etwas anbietet. Und das klappt extrem gut, ich bin selber überrascht darüber. Ich habe in den letzten Monaten so viel Wunderbares erlebt. Total schöne Begegnungen und Erlebnisse, so viel Freundlichkeit, so viel Freundschaft, einfach so viel Gutes. Das macht mich wirklich grad total glücklich.
Deswegen möchte ich auch euch ermutigen, dasselbe zu tun. Offener sein und zu vertrauen, denn es gibt viel mehr liebe Menschen als böse und sie können nur auf einen zukommen, wenn sie einen durch die geöffnete Tür sehen.

Ich würde mir dieses offener sein sehr wünschen für alle Menschen.

Licht

Vielleicht wäre alles viel schöner, wenn unsere Urururururahnen das Licht nicht erfunden hätten.
Wenn es abends eindunkeln würde, gingen wir alle nach Hause, denn nachts wäre es zu dunkel, um noch irgendwo zu Fuss oder mit dem Auto unterwegs zu sein, geschweige denn mit dem Zug oder dem Flugzeug. Wenn wir trotzdem noch aus irgendwelchen Gründen draussen wären, hätten wir Fackeln und Laternen dabei.
Weil keine Lichter aus Häusern, Strassenlampen und Leuchtreklamen mehr die Dunkelheit stören würde, sähen wir den Mond und die Sterne bei klarem Himmel viel deutlicher. Es gibt auf dieser Welt Städte, die so gross und so hell sind, dass man dort die Sterne gar nie sehen kann. Es ist also nie dunkel genug wegen künstlich erzeugtem Licht.
Wir wären dann aber eigentlich ganz gern zuhause, würden dort eine oder viele Kerzen anzünden und miteinander reden oder so gut es geht im Kerzenlicht lesen oder eine andere Arbeit verrichten.
Oder einfach ins Bett gehen.

Tatsächlich gibt es den Ausdruck „Lichtverschmutzung“, wovon ich bis zum heutigen Tag noch nie bewusst gehört habe. Ich finde dieses Thema ziemlich interessant. Offenbar gibt es in der Schweiz seit 1996 keinen Ort mehr, der nicht lichtverschmutzt ist. Das hat mich erstaunt und weil ich es nicht recht glauben konnte, habe ich mich näher darüber informiert.
Ich habe gelesen, dass in einer weltweit angelegten Studie festgestellt werden konnte, dass Licht Auswirkungen an Orte bis zu 196 Kilometer vom Ursprung entfernt hat. Zürich beleuchtet Genf, Bern die Bündner Berge. Es gibt also kaum noch grössere unbelichtete Flächen (siehe auch https://advances.sciencemag.org/content/2/6/e1600377).

Nachts die Sterne nicht sehen zu können, ist zwar schade, aber tjanun, es gibt vermutlich schlimmeres. Wenn es nachts nicht dunkel wird, hat das Auswirkungen auf Mensch, Tier und Natur.
Beim Menschen beeiträchtigt das 24/7 helle Licht vor allem die Schlafqualität. Für einen tiefen, erholsamen Schlaf braucht der Körper die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Und der Körper wiederum benötigt eine gewisse Dunkelheit, um genug Melatonin ausschütten zu können.

In den grossen Schweizer Städten und Agglomerationen ist es nachts mindestens so hell, wie wenn acht Vollmonde gleichzeitig leuchten würden. Ohne lichtundurchlässige Vorhänge und Fensterläden oder Markisen hätten die Menschen dort keine Chance auf eine dunkle Nacht.

Für Tiere kann die Lichtverschmutzung gefährliche, gar tödliche Folgen haben. Zum Beispiel auf Zugvögel wird sich Kunstlicht sehr störend aus. Jährlich ziehen Milliarden von Vögel nachts von Europa nach Afrika und im Frühling dann wieder zurück. Sie orientieren sich unter anderem anhand der Sterne. Von den unendlich vielen Lichtquellen über den grossen Städten werden sie angezogen und von ihrem Weg abgelenkt. So kann es dazu führen, dass verwirrte Zugvögel nachts auf beleuchtete Gebäude prallen oder diese sinnlos umkreisen und sterben.

Auch nachtaktive Insekten werden vom künstlichen Licht angezogen und schwirren drumherum. Wir kennen das sehr gut von Mücken, die abends in unsere hellen Wohnungen fliegen, wenn wir die Fenster offen lassen.
Dadurch vernachlässigen sie lebensnotwendige Tätigkeiten wie die Futtersuche oder die Paarung und das Eier legen. Nicht selten verenden sie in der Lichtquelle, zB einer Strassenlaterne, die eine Falle für sie ist, verbrennen oder sterben an Erschöpfung.
Man geht davon aus, dass pro Sommernacht in der Schweiz etwa 10 Millionen Insekten sterben.

Interessantes Thema, finde ich. Für uns Menschen bedeutet dieses Licht in der Nacht wohl vor allem Sicherheit und dient als Orienterungshilfe. Wir bewegen uns eigentlich mit unserer Nachtaktivität aus unserem natürlichen Rhythmus hinaus, denn wir wurden von der Natur nicht mit Sinnen ausgestattet, die uns das ermöglichen. Mit künstlichem Licht machen wir die Nacht zum Tag und uns zu Nachtschwärmern. Natürlich ist es für viele auch Mittel zum Zweck, denn es ist ja nicht nur unnötig, nachts wach zu sein. Es gibt Menschen, die in der Nacht arbeiten und dafür Licht brauchen.
Und doch ist es ganz bestimmt too much.
Ich habe mir überlegt, ob Geschäfte und Leuchtreklamen wirklich auch die ganze Nacht hell leuchten müssen und eigentlich finde ich nein. Der zweite Gedanke war dann aber, dass zB Leuchtreklamen ja ganz genau zu diesem Zweck gemacht wurden und die Beleuchtung in Schaufenstern wohl auch, denn tagsüber braucht es sie ja gar nicht. Sie wollen nachts gesehen werden von den vielen Menschen, die noch unterwegs sind.

So komme ich zu meinem ersten Gedanken zurück und finde, dass ganz bestimmt ganz schön viele dieser Lichter eingespart werden könnten. Um die Tiere zu schützen, wäre ja eigentlich Grund genug.
Ich glaube aber auch, dass wir Menschen davon profitieren würden. Wir kämen viel mehr zur Ruhe und Besinnung, wenn es abends und nachts etwas stiller und dunkler wäre und wir nicht immer das Gefühl hätten, unterwegs sein zu müssen. Wir könnten besser abschalten, ruhiger schlafen.
Es ist die Rastlosigkeit, die uns antreibt. Der Wunsch, etwas erleben zu wollen, frei zu sein und zwar rund um die Uhr. Das Angebot ist da, es will genutzt werden und wir folgen ihm. Wir lassen uns ungern einschränken. Nicht von andern, und schon gar nicht von der Natur, der wir uns so sehr überlegen fühlen.
Wir fühlen uns schnell eingeschränkt und uns unseren Freiheiten beraubt, sind es uns nicht mehr gewohnt, auf uns und auf andere zu achten.
Wir hasten von Kontakt zu Kontakt, möchten nicht allein sein. Es ist einfach, sich selbst und andern auszuweichen. Bei sich ist man nur ungern,
Und doch wäre das so wichtig. Wieviele Achtsamkeitsseminare und Therapien so wohl eingespart werden könnten?


Alleinerziehend = forever alone?

Man wird ja nicht alleinerziehend geboren, sondern wird es aus irgendwelchen Gründen irgendwann im Leben, falls überhaupt, und muss und wird dann mit der Zeit in diese Rolle hineinwachsen. Es ist dann einfach so. Und zwar für immer.

Mir persönlich geht es so, dass ich immer noch nicht denke, dass es das Beste ist, was mir passieren konnte. Ich habe mir mein Leben anders gewünscht und anders vorgestellt, aber es geht mir unterdessen gut damit. Es gibt Punkte, die ich schwierig finde, es gibt aber auch ganz vieles, das ich okay finde wie es ist. Eines davon ist, nicht mehr in einer Beziehung zu sein, in der ich nicht glücklich war.
Das Leben, das ich jetzt habe, habe ich mir selbst wieder aufgebaut, zwar mit begrenzten Mitteln und eingeengt in allerlei Vorgaben, aber mit meiner ganzen (und damals letzten) Kraft und wirklich mit meinem ganzen Herzblut. Es ist ein Gutes. ❤️
Ich habe nicht den Wunsch oder die Absicht, etwas daran zu gefährden oder zu verändern. Ich bin einfach froh, dass alles grad so läuft, wie es läuft. Nämlich recht gut. Aktuell kann ich sagen, dass ich sehr bei mir bin und mich da besser denn je fühle. Das ist ein gutes Gefühl.

Ich habe nicht das Bedürfnis nach einem Mann, einer neuen Beziehung, denn ich habe das Gefühl, er würde mir nur alles durcheinander bringen, was ich mir in den letzten Jahren so mühsam erarbeitet habe und am Ende stünde ich wieder allein in den Trümmern. Nein, das will ich nicht nochmal. Ich weiss auch gar nicht, ob ich die Energie für sowas noch einmal hätte.
Natürlich fehlt es mir aber machmal, jemanden zu haben. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Nie jemand, der mich umarmt, keiner der seine Gedanken mit mir teilt und keiner, mit dem ich meine teilen könnte. Niemand, der sich vor und hinter mich stellen würde, wenn mal was wäre. Keiner der da ist, wenn ich mich alleine fühle. Keiner, der mich tröstet, wenn alles zuviel ist. Keiner, der mit mir lacht oder weint. Ja, so ist das. Manchmal fehlt es.
Aber trotzdem ist es momentan okay so. Wird das aber für immer so sein? Wird es auch später okay sein, wenn mein Kind älter ist oder sogar erwachsen? Der Gedanke, für immer und dann ohne Kind noch ganz allein zu sein, ist dann doch irgendwie beunruhigend, jedenfalls manchmal.

Wenn ich meine Situation anschaue und die vergleichbare Situation eines gleichaltrigen Mannes, da zeigen sich schon grosse Unterschiede. Als erstes zB das Alter. Frauen empfinden alternde Männer als zunehmend sexy oder zumindest okay. Ich habe das Gefühl, Frauen sehen im Mann andere Qualitäten und stellen das älter werden und das Äussere nicht auf die erste Priorität. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das umgekehrt ganz anders ist. Für Frauen ist es in unserer Gesellschaft schwieriger, älter zu werden oder „unperfekt“ und nicht mehr jugendlich auszusehen. Männer priorisieren mehrheitlich Äusserlichkeiten gegenüber anderer Qualitäten.

Wenn zB Frauen in meinem Alter Single sind, haben sie sehr oft auch Kinder, sind also alleinerziehend. Und zwangsläufig sind sie dann auch berufstätig und zwar nicht nur als Nebenverdienst oder um sich zu beschäftigen, sondern als Alleinverdienende. In den meisten Fällen haben diese Frauen sehr wenig Freizeit und wenig Geld. Und oft relativ wenig oder keine Entlastung, da ihre Eltern schon alt oder bereits verstorben sind.

Ein Mann in diesem Alter, der Single ist, war es entweder schon immer oder er ist ebenfalls geschieden. Natürlich gibt es noch andere Gründe, so wie bei den Frauen auch.
In den meisten Fällen leben die Kinder bei der Ex-Frau und verbringen in der Regel so jedes zweite Wochenende bei ihm. Er kann ohne weiteres Vollzeit arbeiten und hat vielleicht auch während der Ehe Aus- und Weiterbildungen gemacht, verdient also gut. Während Mütter auch heute noch oft darauf verzichten (müssen), nicht zuletzt zugunsten des Mannes, da sie zuhause mit Mann, Kind, Haushalt und der Organisation des Familienalltages ausgelastet sind.
Ich glaube, für viele Väter ist es hart, die Kinder nach der Trennung so wenig zu sehen und sie fühlen sich bestimmt auch manchmal einsam, besonders am Anfang. Das ist plötzlich sehr viel freie Zeit, viel Leere so ganz ohne die Familie. Freizeit, die ausgefüllt werden muss, Freiheit, die gelebt werden will. Er wird seinen Alltag ganz anders gestalten als seine Ex-Frau.

Und dann frage ich mich, wie sollen denn bitte Frauen und Männer in diesem Lebensabschnitt zusammenfinden und wie soll das bitte jemals klappen? Ich kann mir das ganz einfach gar nicht vorstellen.

Ich denke, Männer, die gern eine neue Beziehung eingehen möchten, sind unterwegs und lernen dort Frauen kennen. Vermutlich kommen sie gut an, denn sie sind entspannt, erfolgreich und finanziell abgesichert und strahlen das aus.

Die alleinerziehende Frau in dieser Situation wird diese nicht gross ändern können, zumindest bis die Kinder gross sind.
Ich glaube, eine Alleinerziehende hat zum einen schon mal gar nicht gross die Möglichkeit, überhaupt mit neuen Menschen bzw Männern in Kontakt zu kommen, ausser vielleicht bei Parship und Co. Ansonsten fehlt ihr die Zeit dazu und eventuell auch das Geld. Und wenn sie dann in jedem Schaltjahr per Zufall mal einmal einen Mann kennen lernt oder trifft, dann kann man irgendwie auch nicht erwarten, dass das dann gleich passt oder funkt. Von beiden Seiten her. Eigentlich müsste frau also viel mehr Männer kennen lernen und treffen können, um die Chance zu haben, sich verlieben zu können bzw. auf Gegenseitigkeit.
Ich zB hätte jedes zweite Wochenende am Freitag Abend und samstags bis 18 Uhr kinderfrei und ehrlich gesagt, glaube ich kaum, dass ein Mann das in der Kennenlern-Phase sehr cool finden würde. Falls ich überhaupt einen kennen lernen würde, meine ich.
Ich spüre auch immer wieder die Erwartungshaltung anderer, dass ich sofort zuschlagen müsste, wenn mir mal einer über den Weg läuft, denn als alleinerziehende, mittelalte bzw um es netter auszudrücken, nicht mehr ganz junge Frau kann man es sich eigentlich gar nicht leisten, wählerisch zu sein. Und doch finde ich, man sollte unbedingt wählerisch sein, denn niemand sollte sich auf etwas einlassen, das nicht die allergrösste Liebe ist und einen extrem glücklich macht. Da gibt es keine Kompromisse. Für mich jedenfalls nicht.

Ich glaube, eine Alleinerziehende scheint auf den ersten Blick eine Last zu sein für Männer. Und hier endet diese Geschichte dann ja wohl eigentlich bereits, denn wer überlegt denn da noch weiter?

Sie trägt ganz viel Verantwortung allein, verdient ihr Geld selber, hat viel um die Ohren, ist müde, hat wenig Freizeit und wenig Geld. Wie bereits erwähnt, wird sich ihre Situation noch ein paar Jahre lang nicht verändern.
Und dazu wird ein Mann sich vermutlich bewusst sein, dass das eine unglaublich starke Frau ist, auch wenn sie müde und erschöpft ist. Schwach ist sie ganz sicher nicht. Was sie alles allein trägt und zwar ohne Mann im Rücken, der entlastet und unterstützt und Geld verdient!
Ob ein Mann sich der Stärke dieser Frau bewusst ist, weiss ich zwar nicht. Vielleicht denkt er auch, sie sei schwach. Ein Opfer. Ich bin mir aber fast sicher, dass dies bei vielen besser ankäme als das stark sein.

Als Mann muss man sich bewusst sein, dass diese Frau ihn nicht braucht. Sie kommt allein zurecht, sie wartet nicht auf ihn und wird sich nicht alles gefallen lassen.
Aber vielleicht will sie ihn. Sie wird nicht erwarten, dass er ihr etwas abnimmt oder ihr Leben einfacher macht. Bitte aber auch nicht schwerer. Wenn er möchte, kann er sie (unter)stützen.
Ich glaube ja, schon die Liebe allein würde so einiges leichter machen und die Seele fröhlicher. Nie wieder von jemandem geliebt zu werden, das finde ich zB nämlich am Alleinerziehend sein, der schwierigste Gedanke. Und ja, mein Kind liebt mich, das stimmt. Aber das ist keine Partnerschaft, das ist ganz etwas anderes.

Ich glaube eigentlich, Männer unterschätzen alleinerziehende Frauen total und haben keine Ahnung, was eine solche Frau ihnen geben könnte und auch würde.
Ich: Gibt es etwas Wichtigeres?
Mann: JA, meine Freiheit.

Das sind meine Gedanken und Erlebnisse. Aus Gesprächen und Austausch weiss ich, dass viele andere alleinerziehende Frauen diese teilen. Wie Männer schlussendlich denken und funktionieren… wer weiss das schon so genau? Ich jedenfalls nicht.
Ich meine diese Gedanken auch keineswegs wertend oder abwertend oder was auch immer. Alles hat seine Berechtigung, alles hat seinen Grund. Ich frage mich einfach nur, wie um Himmels Willen Menschen zwischen 40 und 60 Jahren mit Kindern, die nicht für immer allein bleiben wollen, einander finden können, wenn das so ist…



Stillstehen, während das Karussell sich weiter dreht…

Ich bin so ein Mensch, ich finde es total gut, sich für gewisse Dinge Zeit zu lassen. Entscheidungen oder Handlungen nicht zu überstürzen, weil man oft nicht klar denken kann, wenn man emotional zu sehr drin hängt, egal ob negativ oder positiv. Auch bei Problemen bzw. bei Situationen, die wir Probleme nennen. Ich habe es sooo oft erlebt, dass es wenig Sinn macht, gleich sofort nervös zu werden, hastig zu reagieren, Lösungen zu finden und durchzudrehen, denn ganz oft sieht nach ein paar Mal tief atmen oder am nächsten Morgen alles schon wieder ein wenig oder ganz anders aus. Gerade in meiner Arbeit habe ich es oft erlebt, dass ich schnell reagiert und mir wirklich viel Arbeit gemacht habe, um danach zu merken, dass sich das Problem im Nichts aufgelöst hat.
Natürlich gibt es Notfälle, in denen man unbedingt sofort handeln muss. In den meisten andern Fällen passiert aber nichts, jedenfalls nichts Schlimmes, wenn man sich ein wenig Zeit lässt.

Ich bin aber schon auch ein Mensch, der Dinge, die erledigt, entschieden oder gelöst werden müssen, anpackt. Dinge ewig lange vor mir her zu schieben, das ist nicht mein Ding. Es gibt ja nichts Mühsameres, als Menschen, die ihr Zeugs nicht und nie erledigen. Ich mags ja zuverlässig und verlässlich. (oder ist das dasselbe?)

Es geht ja im Leben auch immer darum, die Balance zu finden. Immer und egal, worum es geht. Auch die Balance zwischen warten und handeln, zwischen überstürzen und herauszögern, zwischen sich hinein steigern und den Kopf in den Sand stecken, um nicht hinsehen zu müssen. Und die Balance zwischen sich etwas gut zu überlegen und es zu zerdenken.

Ich finde, dass wir Menschen vieles überstürzen, uns für vieles zu wenig Zeit lassen. Es liegt an der Hektik unserer Zeit, unserer Gesellschaft, unseres Lebens. Es ist schnell und schnell-lebig. Für‘s sich Zeit lassen braucht es eine gewisse innere Ruhe und Gelassenheit, die uns das Vertrauen gibt, eben genau diese Zeit zu haben oder sie uns zuzugestehen. Oder andern. Andere haben vielleicht ihre Balance nicht an der selben Stelle wie wir. Es ist wie stillstehen,während das Karussell sich immer schneller weiter dreht.

Ich finde aber auch, dass wir Menschen dazu neigen, uns bei gewissen Dingen zuviel Zeit lassen. Manchmal sogar so viel, dass es dafür dann zu spät ist. Das sind dann Dinge, die uns eventuell noch lange beschäftigen, die sich in unseren Gedanken festsetzen und uns plagen. Schön ist das eigentlich nur für all die Therapeut*innen, die sich täglich mit Patient*innen beschäftigen, die unter anderem genau diese Themen*innen (Scherz… 😜) mitbringen.

Darum würde ich raten, wichtige Dinge zeitnah zu klären, denn es wird mit der Zeit nicht einfacher. Oft sind das ja Dinge, die uns nah gehen, die uns verletzlich machen, wie wir meinen, und Dinge, über die zu sprechen wir uns nicht soooo gewohnt sind.
Zum Beispiel fällt mir spontan ein, dass nach wie vor viele Menschen schwer erkranken oder sterben, ohne mit ihren Angehörigen darüber gesprochen zu haben, wie sie sich was in einem solchen Fall wünschen. Das war damals bei meinen Eltern nicht anders, muss ich gestehen. Ich habe mir jahrelang Vorwürfe gemacht, als ich bei meiner Mutter über lebensverlängernde Massnahmen entscheiden musste und diese schweren Herzens abgelehnt habe. Einfach weil die Ärzte es mir rieten, aber auch im Nicht-Wissen, was meine Mutter sich wünschen würde. Dasselbe bei den Beerdigungen beider Elternteile.
Es ist wichtig, eine Patientenverfügung auszufüllen.

Es gibt Situationen, in denen wiegen ungesagte Dinge sehr schwer. Eigentlich komisch, weil sie ja sozusagen inexistent sind. Aber das sind sie ja dann doch nicht, denn sie existieren als Gedanken. Und Gedanken sind das, was unser Gehirn und unser Herz manchmal ganz schön ausfüllen und schwer macht. Uns und / oder andern.
Entschuldigungen, Klärungen, Planungen… Oder jemandem sagen, was er uns bedeutet, was wir fühlen, was wir uns wünschen. Ich glaube, wenn es für solche Dinge zu spät ist, weil jemand weg ist – und in ganz vielen Fällen bedeutet das wohl gestorben – ist es manchmal wirklich ganz schwierig. Wir machen uns unter Umständen Vorwürfe, viel zuviele Gedanken und es belastet uns. Es ist schwierig, es ohne das Gegenüber zu klären, es loszulassen. Wie etwas Abgebrochenes, nicht zu Ende Gebrachtes. So wie ein amputiertes Bein (und ich möchte bei dieser Gelegenheit jemanden grüssen, der mich IMMER liest, es ist bestimmt sehr unangebracht, aber du musst bestimmt lachen jetzt), dessen Wunde für immer offen bleibt.

Also, sagt euch doch bitte gegenseitig eure lieben Gedanken und Worte, so lange der andere sie noch hören, kann. Ich versuche es auch.
Gefühle sind nie peinlich oder unangenehm.

Wenn ich auf dieser Welt EIN DING verändern könnte…

Die Welt ist momentan irgendwie ein Schlachtfeld mit verschiedenen Schauplätzen. Darüber habe ich mir heute auf meinem Arbeitsweg Gedanken gemacht. Wir Menschen haben das alles verursacht und tun es immer noch. Was wir ändern müssten, das wissen wir eigentlich. Aber warum tun wir es nicht? Oder nur soviel, dass es nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist?
Vermutlich, weil Umweltschutz viel mehr ist als ein bisschen auf die Umwelt aufpassen und Rücksicht nehmen. Vermutlich, weil es auch einen ganzen Rattenschwanz von Konsequenzen mit sich ziehen würde, die viele von uns im Alltag kaum mehr umsetzen könnten und um ehrlich zu sein, sich viele von uns finanziell gar nicht leisten könnten.
Und vermutlich, weil andere, die mit all den Dingen, die geändert werden müssten, ganz viel Geld verdienen und dies natürlich auch weiterhin tun wollen.

Wir wissen alle, um was es geht und was es brauchen würde, keine Frage. Ich gehe darauf nicht ein, das ist heute nicht mein Thema.
Ich habe mir aber heute beim Auto fahren – ja, tatsächlich wäre es eine halbe Weltreise, meinen Arbeitsplatz ohne Auto zu erreichen – überlegt, wenn ich etwas, nur EIN DING auf dieser Welt ändern könnte, was es wäre. Hmmm…. schwierig….

Vielleicht, dass überall auf der Welt Frieden ist.
Und wenn es dann so ist, fangen Menschen überall gleich wieder an zu streiten. Um Macht, um Geld und alles wäre wieder beim Alten. Ausserdem finden all die Hersteller und Verkäufer von Munition und Panzern Frieden gar nicht sooo erstrebenswert.

Vielleicht, dass Geld eine weniger wichtige Rolle einnimmt, Menschen mit viel Geld weniger Macht besitzen. Und Menschen mit wenig Geld, mehr. Dass es halt gar nicht so drauf an kommt, wie reich oder arm man ist, sondern was für ein Mensch man ist.
Vielleicht, dass Geld nicht so sehr gehortet wird, dann Reichtum und Luxusgüter einen weniger wichtigen Stellenwert einnähmen und dass wir unser Geld auch gern mit andern, die weniger haben, teilen.
Vielleicht würde ich mir wünschen, dass Menschen sich nicht an andern bereichern.

Vielleicht würde ich mir die Kriminalität jeglicher Art wegwünschen.

Vielleicht, dass wir einander wieder besser vertrauen könnten. Ohne Angst, manipuliert, beschissen, verletzt oder ausgenutzt zu werden.

Vielleicht würde ich mir sehr wünschen, dass es keine Diskriminierung mehr gibt. Von keinem. Nicht wegen seinem oder ihrem Geschlecht, nicht wegen sexueller Vorlieben, nicht wegen Hautfarbe, Religion oder Herkunft, nicht wegem Aussehen, nicht wegen Lebensumständen, einfach wegen gar nichts.
Und auch keine Überempfindlichkeit. Und keine Goldwaage, auf die man seine Worte legen muss, bevor man sie ausspricht, weil es die dann gar nicht mehr brauchen würde.

Vielleicht, dass jede*r schön ist, so wie er oder sie ist und dass niemandem etwas anderes eingeredet wird.
Und vielleicht, dass jede und jeder genau so sein darf, kann und soll wie er / sie ist und das einfach nicht nur okay, sondern super ist so.

Vielleicht, dass auf der Welt viel mehr Liebe ist und viel weniger Hass, Verletzungen und Schmerz.

Vielleicht, dass alle Menschen genug zu Essen und zu trinken haben.

Vielleicht würde ich mir Chancengleichheit wünschen. Oder sogar ganz sicher.

Vielleicht, dass es keine schlimmen Krankheiten mehr gibt, dass keiner leiden muss weil er oder sie oder jemand den man liebt, sehr krank ist. Dass es keine schlimmen Unfälle gibt und dass man ausschliesslich im hohen Alter an Altersschwäche friedlich im Bett stirbt.
Daraus resultieren würde wohl eine noch schlimmere Überbevölkerung und eine sehr, sehr unzufriedene Pharma-Industrie, die meinem Wunsch wohl tatkräftig entgegenwirken würde.

Vielleicht, dass alle Kinder liebevolle Eltern haben.
Und allen Eltern Lebensumstände, die es ihnen ermöglicht, liebevolle Eltern zu sein.

Vielleicht, dass Wunden viel schneller heilen oder noch viel lieber, dass es gar keine mehr gibt.
Vielleicht, dass wir Narben als Zeichen von überlebten Ereignissen sehen und weniger als Makel. Und vielleicht, dass wir statt sie zu verstecken und uns für sie zu schämen, sie einander zeigen und uns gegenseitig viel mehr trösten.

Vielleicht, dass wir andere Lebewesen und die Natur liebevoll behandeln, sie auch achten und zu ihnen Sorge tragen. So wie zueinander.

Vielleicht, dass wir mehr Zeit haben und weniger Stress. Mehr Freude und weniger Sorgen.

Vielleicht, dass niemand andere Menschen Scheisse finden muss, weil sie es ganz einfach nicht sind.

Vielleicht mehr Freundlichkeit und Wohlwollen. Weniger Neid und Eifersucht und dass wir die vorhandenen Ressourcen viel mehr nutzen und uns daran freuen, statt Angst bekommen jemand anderer könnte besser als wir sein.

Vielleicht, dass alle Menschen glücklich sind.
Aber was wäre Glück ohne Leid und Trauer? Würden wir denn dann das Glück überhaupt sehen, wenn wir ihm begegnen würden?

Bisschen utopisch, aber nicht unmöglich.
Die Hoffnung stirbt zuletzt und vielleicht würde ich auch ändern, dass die gar nie stirbt.

Wenn Eltern sterben

Irgendwann ist auch der längste Tag vorbei und die Sonne geht unter, um uns ein paar Stunden Dunkelheit, Stille und die Möglichkeit zur Erholung zu gönnen. Sie wird am nächsten Morgen wieder aufgehen. Immer und jeden Tag. Auch dann, wenn wir denken, sie sei nicht da, weil es grau und regnerisch ist.

So ähnlich ist es doch auch mit dem Leben.
Irgendwann ist es zu Ende, der Mensch stirbt. Wenn man das so pragmatisch anschaut, ist das keine grosse Sache und es ist nichts anderes als der normale Lauf des Lebens. Irgendwann beginnt es und irgendwann endet es. Das dazwischen nennen wir Leben.
Eigentlich könnte man das recht abgegrenzt und rational sehen. Das tun wir bestimmt auch oft. Ich habe das beobachtet, als es um die vielen Corona-Toten ging, die wir nicht kannten. Fremde Menschen sind gestorben und weil wir sie nicht oder nicht näher kannten, war es vielen egal. Das muss es irgendwie ja zum Teil auch, denn man kann wirklich nicht alles an sich ranlassen. Selbstschutz. Ich denke, bei Corona hatte dieses Egal-Sein noch andere Gründe, denn das Hinschauen hätte ethische und moralische Konsequenzen gehabt. Also wieder Selbstschutz.
Abgrenzen funktioniert ganz gut, bis es dann plötzlich uns (be)trifft. Bis jemand aus dem engeren Umfeld stirbt, jemand den man gern hat. Dann ist es vorbei mit der Rationalität und es erschüttert uns bis tief ins Innerste. Jeden wieder anders.

Jemand, der mehr oder weniger plötzlich weg ist – und wenn wir ehrlich sind, ist es am Schluss doch immer irgendwie plötzlich. Sterben kann sehr lange dauern und diesem Prozess und allem, was damit zusammenhängt, zuzusehen, das ist etwas sehr Schlimmes, finde ich. All das Leiden – verschiedene Arten von Leiden. Schmerzen, die Veränderung dieser Person, ihr Verlust des Lebenswillens, der Lebenskraft und / oder der Lebensqualität. Loslassen müssen ohne es zu wollen. Und Angst, oft ganz, ganz viel Angst. Beim Erkrankten und auch bei den Angehörigen.
Und wenn dieser Mensch dann stirbt, dann ist es ein Schock, eine Erlösung und für die Personen, die ihm nahe standen, ein sehr einschneidendes Erlebnis. Das ist es immer, wenn jemand stirbt. Auch wenn jemand schnell und plötzlich sozusagen aus dem Leben gerissen wird.
Manchmal dauert das Sterben eine Weile, manchmal gehts ganz schnell, denn es gibt verschiedene Arten zu sterben. Und auch unterschiedliche Umstände. Einige stimmen uns als Hinterbliebene versöhnlicher, irgendwie tröstlich, andere hinterlassen in uns nichts anderes als Fragezeichen und Unverständnis. Begleitet von Trauer und Vermissen.

Egal, wie lange das Sterben dauert und ob wir es miterleben bzw. mitbegleiten oder einfach danach vor vollendete Tatsachen gestellt werden, ich habe das Gefühl, der Tod einer uns sehr nahestehenden Person löst immer so etwas wie einen Schock aus. Man kann sich nicht wirklich darauf vorbereiten, man weiss vielleicht, dass es (irgendwann) passieren wird und doch ist man nicht darauf vorbereitet, denn unsere Gefühle sind nicht planbar. Die kommen dann einfach in diesem Moment. Womit wir am Ende dann umgehen müssen, ist vermutlich nicht nur der Tod dieser Person, sondern vor allem das, was er bei uns auslöst und die Lücke die sie hinterlässt. Leere ist schwer auszuhalten.

Der Übergang vom Leben in den Tod dauert nur einen Moment. Und dieser Moment dauert eine Sekunde.
Herzschlag…. Herzschlag…. Herzschlag…. Herzschlag…. Herzschlag… Herzschlag…. piep piep piep oder einfach Stille, nichts mehr, Ende. Von einer Sekunde zur andern. Und dann ist sie weg, diese Person, die wir loslassen müssen…
Etwas was ich daran ganz schwierig fand war die Tatsache, dass sie oder er noch da lag, als wäre sie noch am Leben. Der Körper war noch da. Von aussen war der Tod oder der Zustand des Todes fast nicht sichtbar. Das macht es schwer zu begreifen, dass es vorbei ist. Bei mir war es jedenfalls so.

Ich würde behaupten, dass für uns der Tod unserer Eltern besonders einschneidend ist. Ich habe das jedenfalls so erlebt. Ich war ja noch ziemlich jung, als meine Mutter starb ( Der Tag, an dem meine Mutter starb. ) und ich hatte danach noch für eine lange Zeit das Gefühl, ich hätte sie noch gebraucht. Ich habe eigentlich bei meiner (Ex-)Schwägerin, die schwer an Demenz erkrankt ist, genau dasselbe Gefühl , siehe den Text Valerie . Sie ist ja zwar noch „da“ bzw am Leben, sie ist aber wie gesagt dement und in England, also ist sie für mich trotzdem nicht mehr da. Kontakte sind nicht mehr möglich. Ich glaube, ich habe sie vor etwa fünf Jahren zum letzten Mal gesehen und da hat sie mich noch einigermassen erkannt, aber richtige Gespräche gingen da schon nicht mehr. Und ich habe bis heute das Gefühl, dass ich mit ihr noch nicht „fertig“ bin. Wir haben noch nicht zu Ende geredet. Noch nicht zu Ende gelacht und ich habe sie noch nicht zu Ende geliebt. Und doch geht das alles nicht mehr. Beim Tod ist das auch so. Einfach zu Ende, unterbrochen wo man gerade war zusammen.

Meine Mutter ist vor 23 Jahren gestorben. Neun Jahre später dann mein Vater. Und wenn ich mich zurück erinnere, empfinde ich dieses Ereignis als fast noch einschneidender. Wenn dann der zweite Elternteil noch stirbt, dann sind beide weg. Man hat gar keine Eltern mehr. Beide Menschen, die einen „gemacht“, geboren und aufgezogen haben, die für eine lange Zeit Wurzeln und Halt waren, sind nun weg. Und vielleicht mit ihnen auch das Elternhaus oder die Wohnung, in der wir aufgewachsen sind. Ein ganzes Stück unseres Lebens irgendwie.
Ich glaube, das ist auch im Erwachsenenalter nicht so einfach, egal wie alt man selber ist.
Und wenn Kinder ein Elternteil verlieren, das finde ich ein ganz furchtbares Thema. So schlimm. Ich mag darüber gar nicht nachdenken oder schreiben. Und doch passieren solche Dinge.

Da ich meine Eltern beide eigentlich relativ früh verloren habe im Vergleich zu andern, hatten rund um mich herum die meisten ihre natürlich für eine lange ZEit noch. Nun sind weitere Jahre vergangen, alle werden älter und die Eltern meiner Bekannten und Freunde*innen bzw diese Generation beginnt zu sterben.
Ich glaube, sie alle sind nun in einem Alter, bei dem man nicht mehr sagen kann, „zu jung gestorben“ oder „viel zu früh*. Eigentlich. Aber irgendwie ist es doch immer zu früh, gewisse Menschen loszulassen…
Und so nimmt alles seinen Lauf. Meine Freundinnen beginnen, ihre Eltern zu verlieren, falls es nicht schon geschehen ist.

Das löst bei mir verschiedene Gefühle aus. Zum einen – und das kommt vielleicht bei euch sehr schräg an – bin ich wirklich froh, dass ich das hinter mir habe. Einfach im Bewusstsein, wie traurig und wie schwierig es ist. Und aber auch im Bewusstsein, dass ich sie ja gern noch hier hätte und was ich und auch sie alles verpasst haben zusammen bzw. was ich noch mit ihnen hätte teilen wollen.
Aber ich weiss, wie es sich anfühlt, die Eltern zu verlieren. Ich habe es erlebt, es ist Jahre her und ich habe mich daran gewöhnt, es geht mir längst wieder gut. Aber wenn ich ehrlich bin, würde es nicht nochmal erleben wollen. Obwohl es vielleicht jetzt, 20 Jahre später auch anders wäre, weil sie ja auch älter wären und ich vielleicht dem Tod gegenüber verständnisvoller und bereiter als damals.
Und genau deswegen meine weiteren Gefühle. Mitgefühl. Unendlich viel davon. Und Traurigkeit. Es ist hart, seine Eltern zu verlieren. Ich möchte nicht, dass das jemand, den ich gern habe, erleben muss. Ich möchte sowieso nicht, dass überhaupt jemand jemanden den er liebt, verlieren muss. Ich möcht nicht, dass jemand so sehr traurig ist.

Und doch passiert es und wir Menschen können das. Wir können damit umgehen und wir helfen uns gegenseitig dabei.